Wider den Witz getrommelt und gepfiffen

In den vergangenen Tagen konnte man sich des Eindrucks kaum erwehren, es zeichne sich, nach einer Reihe von mehr oder minder erfolgreichen Kampagnen (der Erfolg derjenigen gegen das Rauchen und die Raucher setzte hier die Maßstäbe, und so hört man allenthalben allerhand hahnebüchenen Unfug, wie etwa, daß das Sitzen das neue Rauchen sei) eine neue ab, nämlich gegen den Witz – fast synchron war zu hören, hier sei nun aber doch wirklich eine Grenze überschritten, und man habe bestimmte Arten von Witzen zurecht endgültig satt, und speziell der Erzählende könne sich in seiner Position einen solchen Witz auf keinen Fall leisten. All dies bei denkbar harmlosen Anlässen – aufregen können hätte man sich allenfalls über die Dürftigkeit der Pointen und die mangelnde Schärfe – über das Defizit an Witz im Witz also. Und tatsächlich stand, so haben wir es im Gedächtnis – bedauerlicherweise läßt sich nicht mehr eruieren, wer hier wo schrieb –, im Kommentar einer der großen Tageszeitungen zu lesen, es sei, da des Witzes Wesen grundsätzlich auf Diskriminerung abziele, auf eine bessere, unserem nunmehr erreichten Zivilisationsstand entsprechende witzfreie und witzlose Zeit zu hoffen – der Witz, so stand zu lesen, meinen wir uns zu erinnern, sei das neue Rauchen. — Wir enthalten uns eines Kommentars und setzen an seine Stelle Kleists »Anekdote aus dem letzten Kriege«:
 

„Wider den Witz getrommelt und gepfiffen“ weiterlesen

Architektur als Zeitreise: Der denkwürdige Eklektizismus der Handelskammer in Mantua

Aldo Andreani, Palazzo della Camera di Commercio, Mantua, Blick von der Treppe durch die lucerna in die Loggia del Mercato
Spätestens seit Prousts Beschreibung der Kirche von Combray im 1913 erschienenen ersten Band der Recherche können wir uns den Raum der Architektur als einen vierdimensionalen denken, seine drei überkommenen Dimensionen erweitert um eine vierte, die der Zeit. Proust hat jedoch nicht in erster Linie die Architektur im Sinn – er läßt ein vieldimensionales Bild entstehen, das der Erzäh­lende aus seiner Kindheit her im Gedächtnis hat und in dem sich individuelle und kollektive Erinnerung verweben. Kunst- und Kultur­ge­schich­te, Geschichte überhaupt; die Kirche der Kindheit mit ihren Gräbern, Tapis­serien und Glasfenstern, ihren Spuren von Zeit und Verfall, ihren Schichten und Überlagerungen entbirgt Frü­hestes, nicht individuell Erinnerbares. Ferne und fernste Vergan­gen­heit wird beschwo­ren, Mittelalter, selbst pagane Tradition – er geht zum Platz der Familie in der Kirche »wie durch ein von Feen bewohntes Tal, in dem der Landmann mit Staunen an einem Fel­sen, einem Baum, einem Teich die noch greifbare Spur ihres geisterhaften gelegentlichen Erscheinens erkennt«.

„Architektur als Zeitreise: Der denkwürdige Eklektizismus der Handelskammer in Mantua“ weiterlesen