Matto regiert, 1. Lieferung: Biotabak

Es sei nunmehr, so war unlängst zu erfahren, der Gebrauch des Begriffs ›Biotabak‹ verboten worden, mit der Begründung, dieser führe gefährlich in die Irre, da er zu der Annahme verleite, es sei mit ihm etwas Gesundes verbunden, was es ja im Falle des Tabaks, Inbegriff des Schädlichen und schon zu dessen Metapher geworden (was ist nicht schon alles als »das neue Rauchen« bezeichnet worden!) unter allen Umständen zu vermeiden gälte. Nun bezeichnet alledings das wenig präzise umrissene und von Fragwürdigkeit nicht freie Attribut ›Bio‹ per se nicht notwendigerweise etwas, das für denjenigen, der sich zu dessen Gebrauch entschließt, grundsätzlich gesund ist, sondern bezieht sich lediglich auf die Bedingungen der Herstellung. So wird man auch biologisch produzierten Schierling kaum als gesundheitsfördernd bezeichnen können, und ›Biodiesel‹ dürfte vor dem Hintergrund der aktuellen Kampagne die Adepten der Lehre von der Reinheit und Sauberkeit des Biologischen in arge Verwirrung stürzen. Welcher Teufel reitet also den Gesetzgeber, mit solch verantwortungsloser Leichtfertigkeit sich populären Mißverständnissen anzubiedern, anstatt seiner Pflicht zu einer angemessenen, gewissenhaften und differenzierten Betrachtung nachzukommen?

Serbien und Rumänien, oder Zahlen und Augenschein

Schärfer, prononcierter könnte eine Trennlinie nicht sein, als die Donau zwischen Serbien und Rumänien – als schiede sie zwei Kontinente, zwei Welten. Wechselt man vom östlichen, rumänischen Ufer hinüber zum serbischen westlichen, so erscheint die kurze Strecke der Stromquerung fast wie ein wässriger Läuterungsweg, der einen aus dem Labyrinth der Trostlosigkeit, der Agonie und des allumfassenden Verfalls führt – womit der dantesken Anklänge allerdings auch schon genug sein muß, denn ein Paradies ist Serbien wahrlich nicht. Es soll hier jedoch nicht die Rede sein von den finsteren Zügen und Geschehnissen der jüngeren Geschichte, auch nicht von den unverkennbaren Manifestationen eines institutionalisierten Chauvinismus (keiner der zahlreichen Hinweise auf historische Gegebenheiten, mit denen sich der Reisende konfrontiert sieht, der nicht einen nationalistischen Heroismus und die Fiktion eines Großserbien beschwörte), auch nicht vom widerwärtigen serbischen Ultranationalismus, der einen schaudern macht und allem gegenüber mißtrauisch – gehandelt sei hier lediglich von der nächstliegenden der vielen hintereinander geschichteten und sich durchdringenden Oberflächen, als die die Welt sich präsentiert, der der unmittelbaren Wahrnehmung.

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 8

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

8.: Balls & Spheres

 

Seen / Unseen, Known / Unknown, Naoshima 2000. Photo Torrio Ohashi, ©Estate of Walter De Maria
Läßt sich die abgedroschene Metapher bemühen, das Kunstwerk entstehe im Auge des Betrachters? — Tatsächlich wird man kaum umhinkommen, die Vorgänge im Auge selbst als einen bedeutenden Teil des Wahrnehmungsprozesses anzuerkennen. Eine späte Werkgruppe Walter De Marias, die großen polierten Granitkugeln – die beiden Installationen in Naoshima, Seen/Unseen, Known/Unknown, 2000, und Time/Timeless/No Time, 2004, Large Red Sphere in München, 2002-2010 und Large Grey Sphere, 2011-15 in Bridgehampton wird gelegentlich mit Augen in Zusammenhang gebracht – »Walter De Maria’s all-seeing eye« ist etwa ein Artikel von Jonathan Glancey im Observer vom 20. Februar 2011 betitelt, und Akimoto Yuji, der Chefkurator des Museums von Naoshima, schreibt, die Kugeln zeigten ein komprimiertes Bild der Landschaft, wie Augäpfel. Mag nicht zuletzt ob ihrer etwas eindimensionalen Griffigkeit diese Analogie zum Widerspruch reizen, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß das, was sich auf der Oberfläche der Kugeln abspielt, nämlich eine sphärisch verzerrte Perspektive, in seiner geometrischen Konstruktion dem Bild entspricht, das im Inneren des Auges auf die Netzhaut projiziert wird und daß somit so etwas wie eine Doppelung zumindest des optischen Teils des Sehprozesses vorliegt – mit dem gravierenden Unterschied allerdings, daß dem Spiegelbild auf der Kugel eine tendenzielle Totalität eignet, vermag doch die Kugel lediglich das nicht zu reflektieren, was sie selbst verdeckt: Wäre sie unendlich klein oder unendlich weit entfernt, so sähe man tatsächlich alles, doch zeigte sie dann freilich auch nichts mehr – alles kollabierte in einem Punkt: Putting Allspace in a Notshall.
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Die Mauern von Smederevo

Smederevo, am Zusammenfluß von Donau und Jezava gelegen, war 1428 von dem Despoten Đurađ Branković als neue Hauptstadt Serbiens gegründet worden, nachdem dieser Belgrad hatte an Ungarn abtreten müssen. Die ausgedehnten Befestigungsanlagen, die er im folgenden Jahrzehnt aufführen ließ, sind unverkennbar am Vorbild der Theodosianischen Mauer orientiert, die Konstantinopel tausend Jahree lang zuverlässig vor allen Anstürmen geschützt hatte – nicht nur Form und Anlage, sondern auch die Kombination von Stein und Ziegel folgen dem antiken Modell, letztere jedoch in einer Weise, die die Vermutung nahelegt, es sei entweder der Sinn nicht verstanden worden, nämlich die Erhöhung der Zugfestigkeit der steinernen Mauer durch in regelmäßigen Abständen angeordnete horizontale Ziegelbänder, oder aber es hätten die Erbauer vom Vorbild nur durch Hörensagen Kenntnis gehabt, sind doch die Ziegel bloß einer ornamentalen Wirkung halber in das im übrigen recht grobe Mauerwerk eingefügt, schließen sich an einer Stelle gar zu einer Inschrift zusammen, ohne je als Verband statisch wirksam werden zu können. Ein hübsches Beispiel einer architecture parlante hat man hier also vor sich, ein Bauwerk, das in diesem einen Aspekt nicht anders als zeichenhaft ein anderes beschwört, die Materialwahl ihres konstruktiven Sinns entkleidet und rhetorisch auf die Brauchbarkeit als Zeichen beschränkt.

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