Drei Museen in Tirana

1. Muzeu Historik Kombëtar, Nationalhistorisches Museum

Das größte Museum des Landes, mit angeblich über einer Million Besucher im Jahr, von denen sich jedoch keiner zeigte, als wir am späten Sonntagvormittag dort waren. Erste Abteilung Frühgeschichte und Antike, bei den Exponaten schwer zu unterscheiden, ob es sich um alte Stücke oder um gipserne Abgüsse handelt – eine etwas unsaubere Mischung aus Konservatorenpalast und Museo della civiltà romana. Wie zu erwarten eine patriotisch-heroisierende Skanderbeg-Abteilung, bei der alles aus Faksimiles oder Nachempfundenem bestand, bis hin zu Schwert und Helm. Danach nur noch Helden und Märtyrer, in Arrangements, die aussehen, als habe sich Boltanski von ihnen inspirieren lassen. Bilder von Individuen, entweder als Strecken enstellter blutverkrusteter Leichen oder in langen Reihen unscharfer Porträts von Heroen des Partisanenkampfs, jeweils mit kurzem Lebenslauf und, in einer Vitrine, ein Kleidungsstück und die Waffe des Porträtierten. Auch Opfer der Hoxha-Diktatur sind vertreten, und es ist in diesem unmittelbaren Nebeneinander auffällig, wie sehr sich die Bilder der beiden Abteilungen gleichen, wie ununterscheidbar sie sind. Was bleibt, ist der bedrückende Eindruck einer allumfassenden Gewalttätigkeit, fast ist man geneigt, von einer Kultur der Gewalt zu sprechen. Am Ende dieses Komplexes (dessen Unterteilung in die verschiedenen Epochen der Gewalttätigkeit ohne die Beschriftungen nicht erkennbar ist) Kriegsbeute: Waffen und Gerät aus den Beständen der Wehrmacht. Folgt, wenig organisch, eine kleine Kollektion von Ikonen, schließlich noch, mit großen farbigen Photographien diesmal, ein Raum, in dem das Hohelied von Mutter Theresa gesungen wird und der aussieht wie ein Messestand.

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 2

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

2.: Zur Perspektive

Es ist also schon der Raum selbst, der hier den Gegenstand der Perspektive anschlägt – ein Thema, das sich durch ein merkwürdiges Oszillieren auszeichnet zwischen dem, was der Begriff unmittelbar als Teil der geometrischen Optik bezeichnet und seiner Verwendung als Metapher der Welterkenntnis und Weltaneignung. Die Entdeckung oder auch Erfindung der Zentralperspektive läßt sich, wenn auch nicht ohne Vorbehalt, durchaus als den Gründungsakt der Neuzeit auffassen. Der Nachweis, daß das Sehen, also die Wahrnehmung, genauen geometrischen Gesetzen folgt, somit eins ist mit der intelligiblen Erkenntnis, muß ein grandioser Befreiungsschlag gewesen sein.

Porträt des Filippo Brunelleschi aus Giorgio Vasari, Le vite…, Florenz 1550.

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Tourismuswerbung

Jüngst, auf dem Flughafen in Tegel den Abflug nach Dubrovnik (ehedem Ragusa) erwartend, sah man sich auf den omnipüräsenten Flachbildschirmen der Wartehalle der Endlosschleife eines Werbefilms ausgesetzt, der zum Urlaub in Ägypten animieren sollte. Allerhand Einladendes bekam man vorgeführt: einen Mann, der in ein großes blaues Meer springt, bunte Fische unter Wasser, einen üppig gedeckten Frühstückstisch, nette Eingeborene mit farbenfrohen Mützchen, freundliche Wohlfühlmusik machend, einen romantischen Blick vom Hotelbalkon in den Sonnenuntergang und anderes mehr. Nichts dagegen von alledem, das Ägypten seit der Erfindung des Tourismus zu dessen bevorzugtem Ziel machte: keine Pyramide, kein Tempel, nicht Abu Simbel, nicht Memphis, nicht einmal ein Tut Ench Amun, auch keine Moschee, keine Medrese, kein Simneonskloster, kein Markt, kein Basar, kein Kaffeehaus. — Die zugkräftige Argumentation der beauftragten Werbeagentur sich auszumalen, bedarf keiner ausgeprägten Phantasie.

[fb]

Aus dem Land der Skipetaren

Skanderbegs Burg auf Kap Radoni (Albinfo)
Unser erster Anlaufpunkt in Albanien war, nach dem Einklarieren in Shëngjin, das sich nicht nur chinesisch anhört, sondern auch so aussieht, Kap Radoni, früher San Giovanni di Medua, albanisch Kepi i Rodonit, benannt nach Redon, dem illyrischen Gott der Wanderer und Seefahrer. Schöner kann man es wohl nicht haben – wir ankerten in einer von fernen, im Dunst zerfließenden gestaffelten Bergketten umgebenen großen Bucht vor einer mit üppigster Vegetation bewachsenen langen schmalen Landzunge, deren schroffe erodierende Flanken sich mit sanft zum Meer hin abfallenden grünen Matten abwechseln.

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Eine rhetorische Konstruktion in Cattaro

Was uns in Kotor am meisten entzückte – vielleicht, weil es so unerwartet kam –, war eine barocke Altarkomposition, korrekt gesprochen ein zum Lettner erweitertes Altarretabel in der kleinen Klarissinnenkirche, als halbhohe Schranke mit zwei Türen leicht chorwärts geschwungen in den einfachen rechteckigen Raum gestellt, Werk des venezianischen Bildhauers Francesco Cabianca (1665-1737), der wegen der schlechten Auftragslage in der schwächelnden serenissima, wohl aber auch, weil ihm sein Arzt zur Heilung eines venerischen Übels zu einer Seereise geraten hatte, mit seiner Familie nach Dalmatien übersiedelte und zwischen 1704 und 1708 in Kotor bezeugt ist.

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Idyllisches und weniger Idyllisches aus Montenegro

Die Fahrt durch die Bucht von Kotor, ital. le bocche di Cattaro, die gelegentlich als südlichster Fjord Europas bezeichnet wird (Slartibartfast?!) – geologisch inkorrekt indes, verdankt sie ihre Entstehung nicht einem Gletscher, sondern bildete sich aus einem Flußtal –, ist zweifelsohne eine der spektakuläreren Partien einer ja an Spektakulärem nicht armen Reise entlang der adriatischen Küsten. An die dreißig Kilometer ist sie lang, besteht aus vier weiten Becken, die durch enge Durchlässe verbunden und von bis zu 1000 Meter hohen Bergzügen umstanden sind. Am Ende der letzten dieser Buchten liegt Kotor, einer der sichersten Häfen der Adria und dazu strategisch höchst günstig gelegen. Er war die Basis für die U-Boote der österreichisch-ungarische Marine; auch andere ihrer Flotteneinheiten lagen hier während des Ersten Weltkriegs, veraltetes Material und Gerät zumeist, das nie zum Einsatz kam und wo es schließlich wegen der immer unerträglicher werdenden Zustände, angeregt durch die Februarrevolution in Russland ein Jahr zuvor, im Februar 1918 zu einer großen, doch rasch niedergeschlagenen Revolte kam, der Friedrich Wolf 1930 das Theaterstück ›Die Matrosen von Cattaro‹ widmete.

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Vom Reisen im Zeitalter des selfie

Warum reisen? — Wenn jeglicher Unmittelbarkeit eine medialisierte Erfahrung, jeglichem spontanen Erleben ein medialisiertes voranging, wenn also jedes Unmittelbare zum déja-vu geworden ist und an eine Medienkonserve erinnert – wozu dann noch reisen? Man reist, so will es die Tradition, aus Neugierde, um fremde Länder und Menschen aufzusuchen, oder man tut es, um etwas zu entdecken, etwas herauszufinden oder etwas zu lernen. (Selbstverständlich reist man auch in Geschäften, was uns hier aber nicht interessiert, genausowenig wie diejenigen, die reisen, um sich einen Mordsrausch samt zugehörigem Sonnenbrand einzufangen.)

Daß das Reisen bilde, wird sich kaum noch mit Fug und Recht behaupten lassen. Denn hierfür wäre eine zumindest rudimentäre Vor-Bildung die Voraussetzung, und das Vorhandensein einer solchen würde im Verhalten des Reisenden zum Ausdruck kommen: Aus der Art und Weise seiner Betrachtung spräche Neugierde, aus seiner Haltung und seinem Benehmen dem Betrachteten gegenüber Respekt. Von Solchem kann aber nur noch in Ausnahmefällen die Rede sein. Zwar sind vielleicht solche Reisenden, die zumindest ihren alten Baedecker, vielleicht gar die gleichfalls roten Bände des Touring Club Italiano oder den Dehio in der Tasche haben, nicht einmal weniger geworden, doch spielen sie unter den drei Millionen, die jedes Jahr mit dem Flugzeug in Dubrovnik einfallen, verstärkt von einer knappen Million, die von den großen Kreuzfahrschiffen noch zusätzlich ausgespuckt werden, keinerlei Rolle mehr. 

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Be vulgar, by all Means!

Unfaithfully Yours, einer der späteren Filme von Preston Sturges, enthält eine der präzisesten Aussagen wenn nicht gar zur Ästhetik des Films an sich, so zumindest zum ästhetischen Programm des Regisseurs selbst, eines Mannes, von dem man annehmen kann, daß er wie wenige andere sein Tun kritisch reflektierte. Viele seiner Filme, am explizitesten wohl Sullivan’s Travels, sind genaue Bestimmungen der Beziehung zwischen Hoch- und Populärkultur, und sie akzeptieren, in guter angelsächsischer Tradition, eine Scheidelinie nicht. Rex Harrison spielt in besagter screwball comedy einen Dirigenten, dem während einer Orchesterprobe von Rossinis Semiramide-Ouverture vom Mann mit den Becken auf die Forderung nach mehr Einsatz die Frage But wouldn’t that be vulgar? […] As a small boy I was learned always never to be vulgar! gestellt wird, was der Maestro mit dem Ausruf beantwortet: Be vulgar, by all means! Der folgende Einsatz des Schlagwerks wie auch die gesamte filmische Darlegung des Musikstücks könnten lustvoller nicht sein, was noch dadurch unterfüttert wird, daß der Dirigent sich während des Dirigierens eine Zigarette ansteckt. Hätte die Popart sich je zur Bewegung formiert und wäre öffentlich aufmarschiert, ein besseres Banner hätte sie nicht vor sich her tragen können.

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Komm in den totgesagten Park …

Unser treuer Baedecker, ›Dalmatien und die Adria‹, Leipzig 1928, der verläßlich benennt, was es noch gibt und der ebenso verläßlich aufzeigt, was alles verschwunden ist, empfiehlt beim Besuch der Insel Hvar einen Nachmittagsausflug im Segelboot zur »von üppigstem Pflanzenwuchs umrahmten Bucht Palmisana auf der Nordseite der Insel Sv. Klement (San Clemente), mit dem Sandstrand Vinogradišće«, wozu allerdings zuvor die Erlaubnis des Besitzers, Prof. Eugen Meneghello in Hvar einzuholen sei.
Eugen Meneghello, Botaniker und Mathematiker, begann 1906, noch unter österreichischer Herrschaft also, die Insel zu einem botanischen Garten auszugestalten. Ob sie, wie behauptet wird, schon seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie gewesen war, sei dahingestellt – Tatsache ist, daß er hier eine Art Klein-Mexiko schaffen wollte, ein europäisches Neu-Mexiko in Gestalt eines botanischen Exilkongresses mesoamerikanischer Pflanzen. Welchen Umständen es zu verdanken ist, daß sein Werk nicht nur die Wirren des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Repressalien des Tito-Kommunismus überstand und selbst den Übergang in den ausufernden touristischen Kapitalismus bewältigte, böte den perfekten Stoff für eine breit angelegte Familiensaga. Heute jedenfalls ist Palmišana ein Familienunternehmen mit Marina, Hotel und Restaurants, und das Garn des Gründungsmythos vom leidenschaftlichen Botaniker und seinen unbeugsamen Nachfahren wird gern und wirkungsvoll gesponnen. Der Garten selbst gerät dabei freilich ein wenig in Vergessenheit – sich selbst überlassen, wildert er wenig glücklich vor sich hin, die Flüsse von Energie und Mitteln scheinen nicht in seine Pflege und Erhaltung gelenkt zu werden.

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And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin

Hans August Schröder (1930-2011), der seinen Weg als Page im Adlon begonnen hatte, später zum geschätztesten barman Berlins avancierte, bevor er mit 72 Jahren seine Lokalität, den von ihm 1976 gegründeten Rum Trader, an Gregor Scholl übergab und ein Studium der Sinologie aufnahm, ein nach allem, was man über ihn hört, weltläufiger, gebildeter und ausgesprochen belesener Mann von ausgeprägtem Witz, war einst in die Fänge des Finanzamts geraten. Steuernachzahlungen wurden von ihm gefordert, in so beträchtlicher Höhe, daß sie ihm das Genick gebrochen haben würden. „And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin“ weiterlesen