Eine merkwürdige Art von Gnade

Die an der Donau gelegene niederbayrische Provinzstadt Deggendorf, von der es im Dehio (Handwörterbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern II, München 1988) heißt, sie habe sich von ihrem Fluß getrennt, besaß einst mit der alljährlich veranstalteten ›Gnad‹ eine bedeutende Wallfahrt – bis zu 140 000 Pilger sollen vom 29. September bis zum 4. Oktober in die Stadt gekommen sein, was nicht nur zu deren Ruhm beitrug, sondern auch zur wirtschaftlichen Prosperität. „Eine merkwürdige Art von Gnade“ weiterlesen

Linzer Granit

Beim sechzigjährigen Jubiläum der Nibelungenbrücke in Linz, die zwischen 1938 und 1940 unter verlustreichem Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet wurde, habe er, erzählte uns ein Besucher, den seine sympathische Neugierde an Bord der INO geführt hatte – er war in der Nähe am Lande, wie es in Österreich heißt, wohnhaft und für einige Tage in die Stadt gekommen – einen älteren Mann beobachtet, der sich auf der Brücke niedergebeugt und unter Anzeichen der Rührung mit der Hand über die Granitplatten des Belags gestrichen habe.
In den Jahren 1987/88 wurde am Münchener Königsplatz der Belag aus zwanzigtausend Granitplatten entfernt und durch eine etwas unentschlossene, ja eigentlich falsche Rekonstruktion des Zustands vor den Eingriffen der Dreißigerjahre ersetzt – Platten, die unter entsetzlichen Leiden von KZ-Insassen geschlagen worden waren.

In der Albertina. Eine Wiener Schmähung

Klaus Albrecht Schröder, seit 1999 Direktor der Albertina, gab nicht nur einst in öffentlicher Rede von sich, der Hemmschuh seines Hauses seien dessen Bestände von mehr als einer Million graphischer Blätter – eine doch sehr bemerkenswerte Aussage für den Leiter der wohl bedeutendsten aller Graphischen Sammlungen –, er steht auch wie kein anderer für einen signifikanten, ja tatsächlich revolutionären Wandel des Verständnisses vom Original, oder genauer: einer kopernikanischen Wende im Verhältnis von Original und Reproduktion. Dies hat, wie könnte es anders sein, zumindest mittelbar mit der Digitaslisierung und der mit ihr verbundenen Ausweitung der Manipulationsmöglichkeiten der Bilder zu tun. Grundsätzlich, so denkt man sich, habe es das Ziel der Reproduktion zu sein, dem Original so nahe zu kommen, wie die technischen Möglichkeiten es erlauben. Der Einspruch, daß hier, bedingt durch die Technik, unweigerlich ästhetische Entscheidungen getroffen werden müssen, ist nicht von der Hand zu weisen, doch geht es uns nicht um das Ergebnis, sondern um Absicht und Legitimation. „In der Albertina. Eine Wiener Schmähung“ weiterlesen

Jürgen Wertheimer: Was macht die Eigenart Europas aus?

Die Diskussion um Europa tritt auf der Stelle. Die einen sehen den Kontinent als in sich zerfallendes Konglomerat aus einzelnen Bestandteilen, die kaum etwas miteinander zu tun haben, die anderen beschwören wieder und wieder die Idee eines gemeinsamen Hauses Europa. Diese verweisen auf höchst unterschiedliche historische und politische Erfahrungen des gespaltenen Kontinents, auf das totalitäre Erbe vieler Regionen, auf die Spätfolgen der Kolonialgeschichte. Jene beschwören den inneren Zusammenhalt auf der Grundlage »europäischer Werte«.
Wieder andere entwerfen Strategiepapiere, um der Krise zwischen Defaitismus und Vision zu entkommen, sprechen von der EU als dem »zentralen Ort« für Konfliktbewältigung und die Erarbeitung auch »global anwendbarer« Lösungen. Dies alles ändert nichts an der konzeptionellen Pattsituation, in der wir uns befinden – all das Lavieren ist eher Ausdruck der Krise denn Mittel, sie zu überwinden.
Wir müssen dringend über uns selbst nachdenken, bevor wir damit fortfahren, für andere denken zu wollen. Wir müssen danach fragen, was die wirklichen Eigen-Arten des Systems Europa sind. Und ob es vielleicht nicht auch ein ganz anderes, verborgenes, in seiner Wertigkeit noch weitgehend unentdecktes Europa gibt. Ein Europa jenseits der üblichen Schlagworte und plakativen »Werte« republikanischer oder christlich abendländischer, klassischer oder fortschrittsgläubiger Natur. Ja, ob es überhaupt ein Europa, ein Europa gibt – die japanisch-deutsche Autorin Yoko Tawada stellt diese Frage auf die ihr eigene fröhlich hintergründige Art immer wieder und völlig zu Recht.
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Perspektive bei Walter De Maria – Nachtrag

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

Nachtrag.: Die Ekstase der hl. Cäcilie

 

Raffael, Die Verzückung der hl. Cäcilia, um 1513/16. Bologna, Galleria Nazionale
 

Das Vorangehende beschränkte sich auf die Betrachtung eines Teilaspekts von Walter De Marias Œuvre, nämlich der Perspektive, genauer der Zentralperspektive und ihrem eigentümlichen Erscheinen im Werk des Künstlers, ausgehend von der Installation von Apollo’s Ecstasy 2013 in Venedig, die er wenige Monate vor seinem unerwarteten Tod noch selbst vorgenommen hatte. Zu diesem Kunstwerk sei hier noch eine Beobachtung angehängt. Zieht man Raffaels Verzückung der hl. Cäcilia (L’estasi di Santa Cecilia, engl. Ecstasy of St. Cecilia) in der Galleria Nazionale in Bologna heran, so lassen sich, neben dem Titel, noch einige andere Gemeinsamkeiten ausmachen. „Perspektive bei Walter De Maria – Nachtrag“ weiterlesen

Hableány

Jean Bruel (*Bordeaux 1917, †Chilly-Mazarin 2003), der Gründer der Compagnie des Bateaux Mouches, die in Paris auf der Seine Rundfahrten für Touristen betreibt, hatte sein Geschäft 1950 mit dem Kauf eines für die Weltausstellung 1867 gebauten Passagierdampfers begonnen. [Das Alter des Fahrzeugs, 83 Jahre, vermag weniger zu erstaunen, wenn man bedenkt, daß die INO ihre 114 Jahre auf dem Buckel hat und sich noch immer wacker schlägt, auch in schwerer See.] Ein anderes Schiff, das auf der Weltausstellung zu sehen war, Furore gemacht und eine Goldmedaille erhalten hatte, war 1874 nach einer Kesselexlosion auf dem Rhein gesunken, die ›Hableány‹ (ungarisch für Meerjungfrau).

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Kiosk 36 – Budapest, ein Nachruf

Viszontlátásra! (Dohány & Kioszk)

Vom vielleicht berühmtesten Sohn Ungarns – der allerdings im heute österreichischen Burgenland geboren wurde (darin Mozart vergleichbar, der im seinerzeit bayerischen Salzburg das Licht der Welt eblickte) und der selbst von sich behauptete, sein Vaterland sei Frankreich – von Liszt Ferenc also, deutsch Franz Liszt, berichtet eine Anekdote, es sei ihm das druckfrische Exemplar einer technisch außerordentlich anspruchsvollen Étude von Chopin vorgelegt worden, die er sogleich coram publico vom Blatt spielte, dabei seine brennende Zigarre zwischen Ring- und Mittelfinger haltend. „Kiosk 36 – Budapest, ein Nachruf“ weiterlesen

Perspektive bei Walter De Maria – Teil 10

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen
10.: Perspektive und Zahl, und zum Schluß das Unendliche
 
Bei kaum einem anderen Baumeister der Renaissance läßt sich ein vergleichbares Primat der Struktur gegenüber der Masse konstatieren. Interessant ist eine denkwürdige Dichotomie der Struktur: Ist sie nämlich zum einen der neuen zentralperspektivischen Raumkonzeption verpflichtet, indem sich die in die Tiefe führenden Linien ungebrochen, vervielfältigt und sehr prominent zeigen, den Raum sich gewissermaßen unterjochen, so zeigt sich gleichzeitig etwas ganz anderes, das auf eine entgegengesetzte, man ist geneigt zu sagen: isometrische Raumauffassung schließen läßt, ein aus dünnen linearen Gliedern gebildetes cartesianisches Gerüst, das einen aus Zellen von völliger Regelmäßigkeit zusammengesetzten Raum zeigt, einen modularen Raum, der durch ein an Konsequenz kaum zu übertreffendes Proportionssystem zusammengehalten wird. Dieses Proportionssystem ist alles andere als eine Geheimwissenschaft, und in diesem Sinn könnte es offensichtlicher kaum sein: Überall in den Bauten finden sich unzweideutige Hinweise, daß es sich um einfache ganzzahlige Verhältnisse handelt – Leseanleitungen gewissermaßen, die jeden Zweifel an der luziden Klarheit der geometrischen Konstruktion aszuräumen vermögen. Alles ist sichtbar, offenbar.
Filippo Brunelleschi, Santo Spirito, perspektivische und modulare Ordnung

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 9

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen
9.: Die Large Red Sphere in München und ihr Raum
Large Red Sphere, München, 2010. Photo Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, ©Estate of Walter De Maria

Die späten Kugeln sind allesamt Schwergewichte (die Large Red Sphere in München wiegt mehr als 25 Tonnen), und sie besitzen alleine schon ob ihrer Masse eine enorme physische Präsenz – fast ist man vor ihnen versucht, Hans Henny Jahnns in seiner ›Theorie der Gewölbe‹ festgehaltenen Überzeugung recht zu geben, nach der die Masse unmittelbar wahrnehmbar sei, mittels eines verborgenen Sinnesorgans. Die Kugeln sind nun statische Gebilde geworden und ruhen auf Sockeln – wobei der Gedanke an eine potentielle Bewegung als eine der Möglichkeiten, das Kunstwerk in der Betrachtung zu denken, den Betrachter zu verunsichern und den Künstler einmal mehr als high priest of danger auszuweisen vermag. Doch sind, bei aller beunruhigenden Labilität, die Kugeln fest im geometrischen Raumgerüst verankert, oder besser: es ist der Raum, in dem sie sich befinden, fest um sie gefügt, denn sie sind es, die als paradoxe Raumgeneratoren nicht nur die Räume, sondern tatsächlich den Raum um sich ordnen, zentrieren und fokussieren. Eine klarere und pointiertere Bestimmung des Orts als einer zentralen Frage der Bildhauerei dürfte sich schwerlich finden lassen, und auch seine schwierige Beziehung zum umgebenden Raum und darüberhinaus zum Raum an sich findet sich hier auf die exemplarische Weise auf den Punkt gebracht, die dem Kunstwerk vorbehalten ist.
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Matto regiert, 1. Lieferung: Biotabak

Es sei nunmehr, so war unlängst zu erfahren, der Gebrauch des Begriffs ›Biotabak‹ verboten worden, mit der Begründung, dieser führe gefährlich in die Irre, da er zu der Annahme verleite, es sei mit ihm etwas Gesundes verbunden, was es ja im Falle des Tabaks, Inbegriff des Schädlichen und schon zu dessen Metapher geworden (was ist nicht schon alles als »das neue Rauchen« bezeichnet worden!) unter allen Umständen zu vermeiden gälte. Nun bezeichnet alledings das wenig präzise umrissene und von Fragwürdigkeit nicht freie Attribut ›Bio‹ per se nicht notwendigerweise etwas, das für denjenigen, der sich zu dessen Gebrauch entschließt, grundsätzlich gesund ist, sondern bezieht sich lediglich auf die Bedingungen der Herstellung. So wird man auch biologisch produzierten Schierling kaum als gesundheitsfördernd bezeichnen können, und ›Biodiesel‹ dürfte vor dem Hintergrund der aktuellen Kampagne die Adepten der Lehre von der Reinheit und Sauberkeit des Biologischen in arge Verwirrung stürzen. Welcher Teufel reitet also den Gesetzgeber, mit solch verantwortungsloser Leichtfertigkeit sich populären Mißverständnissen anzubiedern, anstatt seiner Pflicht zu einer angemessenen, gewissenhaften und differenzierten Betrachtung nachzukommen?