PALISSYS EIDECHSE

Die hier auf unserem zerfallenden Industriegelände neben den Moskitos am häufigsten vorkommede Tierart sind wohl die Eidechsen, kleine, sympahische, ungemein gelenkige und flinke Wesen, deren Leben sich in einem merkwürdigen steten Wechsel aus Starre und blitzschneller Aktion abzuspielen scheint. Jede Bewegung beginnt unvorhergesehen aus völliger Reglosigkeit und erreicht unmittelbar ein Äußerstes an Tempo, ohne Anlaufzeit oder Einschwingen, um dann ebenso abrupt, ohne jeden Übergang, abermals in eine vollständige Bewegungslosigkeit einzufrieren. Nur diese zwei Extreme an Lebenszuständen scheint die Eidechse zu kennen, perfekte Erstarrung und bedingungslose Agilität. Scheu und furchtsam sind sie, und ergreifen eiligst die Flucht, wenn man ihnen zu nahe kommt.

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EINE BEMERKENSWERTE BEOBACHTUNG

Vor der Punta della Dogana, am frühen Abend

unlängst bei der festa del Redentore. Bei diesem Anlaß, der, wie alles in Venedig, die Massen der Touristen anzieht, sind die Venezianer dennoch unter sich. Schieben sich jene in Erwartung des großen Feuerwerks auf Zattere hin und her, stehen sich am Markusplatz die Beine in den Bauch, drängen sich auf der Riva degli Schiavoni, schubsen sich an der Punta della Dogana, quetschen sich über die eigens errichtete Schiffsbrücke hin­über zur Giudecca, so versammeln sich die Venezianer auf dem Wasser. Was immer Zugang zu einem Boot hat – früher hätte man sagen können: Wer immer ein Ruder halten kann – versucht, sich rechtzeitig im Bacino di San Marco oder im Canale della Giudecca einen guten Platz zu sichern, um das mitternächtliche Spektakel aus der rechten Perspektive mitbekommen zu können. „EINE BEMERKENSWERTE BEOBACHTUNG“ weiterlesen

DOTTO, BRONTOLO, PISOLO & CIE.

Nach vier Tagen anstrengender Arbeit in einem Raum von nicht mehr als anderthalb Metern Höhe, sprich also im Rumpf unter dem Vorderdeck, hat die Vorstellung eines Lebens als Zwerg durchaus ihre attraktiven Seiten. [Eine Buchempfehlung: Urs Widmer, Ein Leben als Zwerg, Zürich 2006 — ein elaboriertes Werk über die Perspektive, in dessen Schlußsatz der erzählende Betrachter das Verschwinden einer Figur am Horizont aus deren auf ihn selbst gerichtetem Blick beschreibt.] Wäre man gerade einmal, sagen wir, sechseinhalb Spannen hoch, dann ginge einem die Arbeit hier unten leicht, flüssig und angenehm von der Hand und nicht als eine solche exponentiell sich steigernde Quälerei von der Art, wie man sich etwa die Arbeit in einem mittelalterlichen Bergwerk vorstellt. „DOTTO, BRONTOLO, PISOLO & CIE.“ weiterlesen

45°27’39’’N/12°15’40’’O – ALLES EINE FRAGE DER PERSPEKTIVE

Nimmt man von Mestre, sofern man sich nicht ganz gezielt der kalten Dusche banaler Wirklichkeiten aussetzen will – oder sofern man nicht dort Quartier zu nehmen gezwungen ist, weil das Budget für Venedig nicht langt – nur das Gewirr der Hochstraßen und dubiosen Parkplätze wahr, wo einem vor der Feerie Venedigs noch einmal so recht das Bild der Wirklichkeit der Welt vor Augen geführt wird, so wird man von Marghera kaum je auch nur gehört haben. „45°27’39’’N/12°15’40’’O – ALLES EINE FRAGE DER PERSPEKTIVE“ weiterlesen

EINE NACHRICHT, DIE UNS BEUNRUHIGT

Giovanni Battista Piranesi, Veduta del Castello dell’Acqua Felice, 1748-1774

Die Zeitungen vermelden, in Rom müsse das Wasser rationiert werden: Für jeweils acht Stunden werde es, so hieß es, reihum in den verschiedenen Stadtteilen abgeschaltet. Der Grund hierfür seien die außerordentlich hohen Leitungsverluste, die nahezu die Hälfte des Wassers betrügen und die dem arg vernachlässigten maroden Leitungsnetz geschuldet seien. Nun war Rom seit altersher eine Stadt, die, bildlich gesprochern, auf dem Wasser gebaut war: Seit der Antike vertraute sie auf ein ausgeklügeltes verläßliches System von Wasserleitungen, und der Nieder-, ja beinahe Untergang der Stadt in den Wirren der Völkerwanderungszeit ist nicht zuzletzt darauf zurückzuführen, daß es nicht mehr gelingen konnte, die Wasserversorgung aufrechtzuhalten. Das ganze Mittelalter über war nur ein kleiner Teil des antiken Stadtgebiets bewohnbar, und auch das Rom der Renaissance beschränkte sich in seiner Ausdehnung auf das Tiberknie. Erst die energischen und weitsichtigen Unternehmungen Sixtus’ V., der nicht nur die antiken Wasserleitungen instandsetzen, sondern darüberhinaus eine neue anlegen ließ, die Aqua felice (nach seinem Geburtsnamen Felice Peretti), bahnte den Weg für eine Neubesiedlung der ausgedehnten Brachflächen intra muros. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die großzügige und freundliche Versorgung mit Wasser und der damit verbundene Schmuck der Stadt mit elaborierten Brunnenanlagen ein Anliegen der Mächtigen – in der Nachfolge der Barockpäpste legte zuletzt Mussolini ein Programm öffentlicher Brunnenbauten auf, das die ganze Stadt mit einem ästhetischen Netz überzieht (angelehnt wohl an das Projekt der Strukturierung des römischen Brachlands durch den erwähnten Sixtus vermittels der Markierung der wichtigen Orte durch die Wiederaufrichtung der Obelisken an ausgewählten Stellen). Was mag es nun bedeuten – für welches Omen sollen wir die erneute Infragestellung der Wasserversorgung der Ewigen Stadt in der aktuellen Völkerwanderungszeit nehmen?

GEISELHAFTEN II

Nicht nur Casanova wird hier in Schuldhaft gehalten (s. Beitrag vom 27. März): In Sichtweite der INO, einen Steinwurf nur entfernt, ist die ›Oslo‹ festgemacht, ein Schüttgutfrachter mit 225 Metern Länge und 38835 Bruttoregistertonnen. Zwecks Eintreibung unbezahlter Rechnungen, die sich schließlich mit Zinsen und Gebühren auf eine knappe halbe Million US-Dollar beliefen, wurde sie im Frühjahr 2016 auf Betreiben eines griechischen Treibstofflieferanten sequestriert, lag vor Malamocco einen guten Monat lang mit einer Ladung brasilianischer Sojabohnen vor Anker und durfte schließlich am 5. Mai im Canale industriale Nord in Porto Marghera an einer verlassenen Mole anlegen. „GEISELHAFTEN II“ weiterlesen

BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN

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Lieber Lorenzo Quinn,

wir vermögen es nicht, zu verhehlen, daß Sie Eindruck auf uns gemacht haben. Anthony Quinns Sohn zu sein, das ist schon etwas, und ihm dazu noch derart ähnlich zu sehen, das ist schon keine Kleinigkeit. Ein wenig mehr Charakter sprach zwar aus des Alten Zügen, es ging ihm die, wie sollen wir es nennen, etwas parfümierte Glätte ab, auf die Sie Wert zu legen scheinen, doch haben Sie’s im Ganzen gesehen gut getroffen. Und erst Ihr Künstlertum! Wir durften Zeuge sein, wie Ihre Assistenten Ihrem neuesten Werk den letzten Schliff gaben, zwei kolossalen Händen, unter Verwendung neuester Technologien aus riesigen Hartschaumblöcken gefräst und mit einer Oberfläche, die ziemlich geschickt den von Ihnen intendierten Eindruck von Beton imitiert, hier in Maghera, keinen Steinwurf von der INO entfernt. „BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN“ weiterlesen

HEIMAT IM TRANSIT

I.    18 Jahre lang, von 1988 bis 2006, lebte der Iraner Mehran Karimi Nasseri auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, nachdem ihm auf der Reise von Frankreich nach England die Papiere gestohlen worden waren, Großbritannien ihn daher nach Paris zurückschickte, wo man ihm aber die Einreise verweigerte. „HEIMAT IM TRANSIT“ weiterlesen

DER ANSTIEG DES LAGUNENSPIEGELS

wird wohl nicht zum Untergang Venedigs führen. Die Freude über diese Nachricht ist jedoch verfrüht: Für die Zerstörung der Stadt muß man keine globalen Ursachen bemühen – die Region selbst stellt alles, was es braucht, im Überfluß zur Verfügung. Betrachtet man die sich rasant beschleunigenden Einbußen an der Substanz während der letzten Jahrzehnte, ja Jahre, so besteht Grund zur Annahme, die Stadt werde, noch bevor sie die Chance zum Versinken bekommt, verrottet, zernichtet und buchstäblich zerfallen sein.  Zwei Substanzen ist dies zu verdanken: HNO3 und H2SO4 – Salpetersäure und Schwefelsäure also. Zerfrißt diese den Marmor, so läßt jene die Ziegelsteine zerbröckeln.

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