
Litea ist von Lipowanern bewohnt, Altgläubigen, die sich der Reform der russisch-orthodoxen Kirche von 1654 widersetzt hatten und deshalb im ausgehenden 17. Jahrhundert Rußland verließen und in den unzugänglichen Regionen des Donaudeltas siedelten, das damals unter türkischer Herrschaft stand. Noch heute gibt es hier zahlreiche Gemeinden, in denen eine besondere Abart des Russischen gesprochen wird, angereichert mt türkischen Lehnwörtern.
Den durch und durch freundlichen Eindruck eines idyllischen Gleichmaßes vermitteln das Dorf und die wenigen Bewohner, die man zu Gesicht bekommt auf dem sandigen Weg, der sich nach beiden Richtungen verliert. Parallel zu ihm verläuft der schmale Kanal, über den einzig das Dorf erreicht werden kann und an dessen mit dichtem Schilf bestandenen Ufer die Boote der Dorfbewohner festgemacht sind, die einzigen erkennbaren Fortbewegungsmittel, Autos scheint es keine zu geben. Auch Antennen oder Satellitenschüsseln sucht man vergebens.
Einige Bäume säumen auf dem Deich den Kanal an der Dorfseite. Unter ihnen stehen nebeneinender, exponiert und doch gleichzeitig fast verstohlen, zwei Kreuze aus Eisen, deren Farbe langsam abblättert, Gräber eines jungen Mannes und einer jungen Frau, er neunzehn, sie siebzehn Jahre alt, mit identischem Todesjahr. Den Friedhof des Dorfes haben wir nicht gesehen.
