Perspektive bei Walter De Maria – Teil 10

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen
10.: Perspektive und Zahl, und zum Schluß das Unendliche
 
Bei kaum einem anderen Baumeister der Renaissance läßt sich ein vergleichbares Primat der Struktur gegenüber der Masse konstatieren. Interessant ist eine denkwürdige Dichotomie der Struktur: Ist sie nämlich zum einen der neuen zentralperspektivischen Raumkonzeption verpflichtet, indem sich die in die Tiefe führenden Linien ungebrochen, vervielfältigt und sehr prominent zeigen, den Raum sich gewissermaßen unterjochen, so zeigt sich gleichzeitig etwas ganz anderes, das auf eine entgegengesetzte, man ist geneigt zu sagen: isometrische Raumauffassung schließen läßt, ein aus dünnen linearen Gliedern gebildetes cartesianisches Gerüst, das einen aus Zellen von völliger Regelmäßigkeit zusammengesetzten Raum zeigt, einen modularen Raum, der durch ein an Konsequenz kaum zu übertreffendes Proportionssystem zusammengehalten wird. Dieses Proportionssystem ist alles andere als eine Geheimwissenschaft, und in diesem Sinn könnte es offensichtlicher kaum sein: Überall in den Bauten finden sich unzweideutige Hinweise, daß es sich um einfache ganzzahlige Verhältnisse handelt – Leseanleitungen gewissermaßen, die jeden Zweifel an der luziden Klarheit der geometrischen Konstruktion aszuräumen vermögen. Alles ist sichtbar, offenbar.
Filippo Brunelleschi, Santo Spirito, perspektivische und modulare Ordnung

„Perspektive bei Walter De Maria – Teil 10“ weiterlesen