La lupta de la Caransebeş, oder balkanische Mißverständnisse

Im Jahr des Herrn 1788 zog die österreichische Armee unter der persönlichen Führung von Kaiser Joseph II. mit hunderttausend Mann gegen die Türken ins Feld – mit wenig Begeisterung wohl und erst nach langem Zögern, doch durch ein Bündnis mit Rußland gezwungen. Der Feldzug nahm für die Österreicher keinen guten, ja tatsächlich einen katastrophalen Verlauf, und die Tuberkulose, die sich der Kaiser auf dem Feldzug zuzog, sollte ihn schließlich zwei Jahre später das Leben kosten. In der Nähe der Stadt Karánsebes (Caransebeş) kam es am 17. September zu einem denkwürdigen Vorfall, dem, wenn er denn wahr sein sollte, ein besonderer Platz im Florilegium der militärischen Mißgeschicke zukommt. Die Avantgarde, ein Kontingent Husaren, das zwecks Rekognoszierung die Temesch überquert hatte, stieß zwar auf keine Türken, dafür aber gegen Abend, als es schon zu dunkeln begann, auf eine Gruppe von Zigeunern, die einige Fässer Branntwein feil hatten. „La lupta de la Caransebeş, oder balkanische Mißverständnisse“ weiterlesen

For the Birds

Am Ende einer Nacht, die wir vor Anker liegend bei Kilometer 411 der Donau verbracht hatten, also in einer Landschaft, deren Faszinosum in ihrer Ereignislosigkeit besteht, bot uns das Licht des frühen Morgens Unerwartetes: Ein riesiger Schwarm schwarzer Vögel, Zwergscharben vermutlich (phalacrocorax pygmeus) erhob sich vom Wasser, um für wenige Sekunden v-förmige Formationen einzugehen und dann nach einem Flug von wenigen hundert Metern in geringem Abstand vor uns wieder niederzugehen. Gemeinsam mit ihnen war eine kleinere Anzahl weißer Vögel aufgeflogen und hatte sich im Flug unter die schwarzen gemischt, in die Formation eingereiht, wie es den Anschein machte. Wieder auf dem Wasser, legten sich die Scharben wie eine lange, präzise ausgerichtete Phalanx als dicht geschlossene Barriere in geringem Abstand vor unser Boot. Ihre weißen Begleiter, die wir nun als Bonapartemöwen (chroicocephalus philadelphia) identifizieren zu können glauben, hatten sich wieder ausgesondert und an der Spitze zu einer eigenen, weniger dichten Gruppe zusammengeschlossen. Jetzt erst bemerkten wir eine kleine Anzahl aufmerksamer Pelikane, die zuvor im Schwarm nicht auszumachen gewesen war und die nun, wie Hirtenhunde, gleichmäßig verteilt die lange Reihe umzog.

Kirchen in Rumänien

Dem Elend des Unterlaufs der Donau – aufgegebene Städte, ruinöse Häuser, egal welchen Baujahrs, verrottende Zeugen untergegangener Industrien, Lethargie, Fatalismus, Phlegma, dumpfe Tristesse ohne Wehmut allerorten – wird gelegentlich ein weithin sichtbares Glanzlicht aufgesteckt, in Gestalt funkelnder, frisch poliert vergoldeter Kuppeln, Bekrönungen einer in strahlendem Weiß leuchtenden Kirche. Fast obszön nehmen sich diese herausgeputzten Gebilde aus inmitten all des monotonen Zerfalls, fremd, wie es die maßstabslosen Bauten des Ceaușescuregimes in den kleinen Städten gewesen sein mögen, die nun um sie herum untergegangen sind. Das Alter dieser Gebäude will sich nicht bestimmen lassen; weder Bauform noch Bautenzier geben einen verläßlichen Hinweis darauf, ob es sich um Renovierungen handelt, bei denen Altes zu einem ordinären Glanz ohne Zauber herausgeputzt wurde, oder  um Neubauten, deren einziges Ziel es ist, überkommene Muster ambitionslos zu imitieren. In vielen Fällen dürfte es sich um letzteres handeln, wurde doch nach der Jahrtausendwende von der mit zunehmender Macht ausgestatteten orthodoxen Kirche in Rumänien nicht nur ein umfassendes Renovierungs- sondern auch ein ausgedehntes Neubauprogramm aufgelegt, finanziert, wie die Organisation insgesamt, auf großzügigste Weise vom rumänischen Staat, der ansonsten das Land in einem schier unfaßbaren Ausmaß verkommen läßt. Europa versagt hier an den Rändern. „Kirchen in Rumänien“ weiterlesen

Selbstmörder im Delta

Litea ist ein kleines, abgelegenes Dorf im Donaudelta (doch was wäre hier nicht abgelegen?), das sich durch eine weithin sichtbare Kirche auszeichnet, ein Bauwerk, dessen Größe in keinem Verhältnis zu den wenigen winzigen Katen der Siedlung zu stehen scheint. Der Ort selbst ist ein lockeres Straßendorf, von dem man zunächst annehmen könnte, es sei eine hier stehen gebliebene Filmkulisse, so sehr entspricht sein Bild dem, was man sich unter einem rumänischen Dorf der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts vorstellt – ein jedes Detail stimmt, bis hin zu den mit selbstverständlicher Höflichkeit den Fremden grüßenden barfüßigen Buben auf der unbefestigten Dorfstraße, die man später auf einer Wiese mit Flitzebogen spielen sieht. „Selbstmörder im Delta“ weiterlesen

Am Nullpunkt angelangt

Kaum einer wird dort noch nicht gewesen sein. Hier aber hat die Metapher einen Ort, und es ist dieser durch ein Schild am Ufer ausgewiesen, auf dem groß und deutlich eine Null steht. Anders als alle anderen Flüsse wird nämlich die Donau entgegen ihrer Flußrichtung gemessen, also von der Mündung in Sulina am Schwarzen Meer aus bis zu ihrem etwas dubiosen Ursprung im Schwarzwald – der genaue Ort der Donauquelle ist eine umstrittene Angelegenheit und gab im 19. Jahrhundert tatsächlich Anlaß zu einer ganzen Reihe von Prozessen; Otto Rombach machte dies zum Gegenstand eines seiner historischen Romane (Der standhafte Geometer, Stuttgart, Berlin 1938). Hier, am Kilometer Null, enden nun also die düsteren Salzfluten des Schwarzen Meeres, es endet die Kühnheit der Seefahrt, es ist vorbei mit den Fährnissen um Wind und Wetter, es weicht die weite Freiheit des Meeresspiegels der Eindimensionalität des trägen Flußlaufs.

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