Nicht nur Trump zwitschert – 

auch der ehrenwerte Luigi Brugnaro, der aus Mirano gebürtige Bürgermeister von Venedig, Besitzer einer Zeitarbeitsfirma und des hiesigen Basketballklubs, ehemaliger Vorsitzender der Confindustria Venezia, eines mächtigen Industrieverbands, der sich unlängst mit der bemerkenswerten Erklärung hervortat, wer auf dem Markusplatz Allahu akbar riefe, werde sogleich erschossen (»Basta buonismo: a chi grida Allah akbar in Piazza San Marco, noi spariamo«), auch er also nutzt den Kurznachrichtendienst. Gleich wie Trump, in dem er offenbar so etwas wie einen Robin Hood im Präsidentensessel sieht, die Interessen der Amerikaner verteidige, ließ er heute verlautbaren, so verteidige er die der Venezianer – derjenigen unter ihnen, die die Stadt im Herzen trügen (»che hanno a cuore la città«).
Der Mann hat sicher recht. Was immer man dem amerikanischen Präsidenten unterstellen kann, läßt sich auch für den sindaco annehmen: Möglich, daß beide in gleichem Ausmaß lügen, wenn sie solches behaupten, möglich auch, daß beiden ein vergleichbarer Zynismus eignet, und möglich sogar, daß sie beide das tatsächlich glauben.
[fb]

CAPITAN BRAGADIN

Die Capitan Bragadin – das klingt, obwohl korrekt, ein wenig befremdlich; sagen wir also der Capitan Bragadin – ist ein ausgedienter Vaporetto, wenig jünger nur als die INO und liegt unweit von ihr auf der Giudecca, im Cantiere Navale Toffolo, einer der wenigen noch übriggebliebenen von den einstmals zahlreichen venezianischen Werften. „CAPITAN BRAGADIN“ weiterlesen

CREA,

ein gedrungener, grauhaariger Mann, der nur selten einen Gruß erwidert, und auch dann meist unwirsch, betreibt hier auf der Giudecca einen Handwerksbetrieb, eine Bootsbauwerkstatt, spezialisiert auf sorgfältig gefertigte, schnörkellose elegante Holzboote, der Tradition und keinesfalls den Kapriolen des Zeitgeschmacks verpflichtet. „CREA,“ weiterlesen

Francesco di Giorgio Martini. Eine Empörung

Eines der liebsten Kunstwerke in Venedig ist mir, seit ich sie zum ersten Mal sah, immer Francesco di Giorgio Martinis Kreuzabnahme in Santa Maria del Carmine gewesen, gleich mir ein Fremdling in Venedig, der hier ein etwas eigenbrötlerisches Dasein fristet. Wie vieles andere in der Stadt verdankt die Bronzeplatte ihr Hiersein einem Raubzug, doch ungleich etwa dem Leichnam des hl. Markus, den Tetrarchen oder der Quadriga ist sie nicht ins Gewebe der Stadt eingefügt, nicht in das rhetorische Geflecht des Selbstverständnisses und der Repräsentation vereinnahmt worden.

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