For the Birds

Am Ende einer Nacht, die wir vor Anker liegend bei Kilometer 411 der Donau verbracht hatten, also in einer Landschaft, deren Faszinosum in ihrer Ereignislosigkeit besteht, bot uns das Licht des frühen Morgens Unerwartetes: Ein riesiger Schwarm schwarzer Vögel, Zwergscharben vermutlich (phalacrocorax pygmeus) erhob sich vom Wasser, um für wenige Sekunden v-förmige Formationen einzugehen und dann nach einem Flug von wenigen hundert Metern in geringem Abstand vor uns wieder niederzugehen. Gemeinsam mit ihnen war eine kleinere Anzahl weißer Vögel aufgeflogen und hatte sich im Flug unter die schwarzen gemischt, in die Formation eingereiht, wie es den Anschein machte. Wieder auf dem Wasser, legten sich die Scharben wie eine lange, präzise ausgerichtete Phalanx als dicht geschlossene Barriere in geringem Abstand vor unser Boot. Ihre weißen Begleiter, die wir nun als Bonapartemöwen (chroicocephalus philadelphia) identifizieren zu können glauben, hatten sich wieder ausgesondert und an der Spitze zu einer eigenen, weniger dichten Gruppe zusammengeschlossen. Jetzt erst bemerkten wir eine kleine Anzahl aufmerksamer Pelikane, die zuvor im Schwarm nicht auszumachen gewesen war und die nun, wie Hirtenhunde, gleichmäßig verteilt die lange Reihe umzog.

Kirchen in Rumänien

Dem Elend des Unterlaufs der Donau – aufgegebene Städte, ruinöse Häuser, egal welchen Baujahrs, verrottende Zeugen untergegangener Industrien, Lethargie, Fatalismus, Phlegma, dumpfe Tristesse ohne Wehmut allerorten – wird gelegentlich ein weithin sichtbares Glanzlicht aufgesteckt, in Gestalt funkelnder, frisch poliert vergoldeter Kuppeln, Bekrönungen einer in strahlendem Weiß leuchtenden Kirche. Fast obszön nehmen sich diese herausgeputzten Gebilde aus inmitten all des monotonen Zerfalls, fremd, wie es die maßstabslosen Bauten des Ceaușescuregimes in den kleinen Städten gewesen sein mögen, die nun um sie herum untergegangen sind. Das Alter dieser Gebäude will sich nicht bestimmen lassen; weder Bauform noch Bautenzier geben einen verläßlichen Hinweis darauf, ob es sich um Renovierungen handelt, bei denen Altes zu einem ordinären Glanz ohne Zauber herausgeputzt wurde, oder  um Neubauten, deren einziges Ziel es ist, überkommene Muster ambitionslos zu imitieren. In vielen Fällen dürfte es sich um letzteres handeln, wurde doch nach der Jahrtausendwende von der mit zunehmender Macht ausgestatteten orthodoxen Kirche in Rumänien nicht nur ein umfassendes Renovierungs- sondern auch ein ausgedehntes Neubauprogramm aufgelegt, finanziert, wie die Organisation insgesamt, auf großzügigste Weise vom rumänischen Staat, der ansonsten das Land in einem schier unfaßbaren Ausmaß verkommen läßt. Europa versagt hier an den Rändern. „Kirchen in Rumänien“ weiterlesen

Selbstmörder im Delta

Litea ist ein kleines, abgelegenes Dorf im Donaudelta (doch was wäre hier nicht abgelegen?), das sich durch eine weithin sichtbare Kirche auszeichnet, ein Bauwerk, dessen Größe in keinem Verhältnis zu den wenigen winzigen Katen der Siedlung zu stehen scheint. Der Ort selbst ist ein lockeres Straßendorf, von dem man zunächst annehmen könnte, es sei eine hier stehen gebliebene Filmkulisse, so sehr entspricht sein Bild dem, was man sich unter einem rumänischen Dorf der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts vorstellt – ein jedes Detail stimmt, bis hin zu den mit selbstverständlicher Höflichkeit den Fremden grüßenden barfüßigen Buben auf der unbefestigten Dorfstraße, die man später auf einer Wiese mit Flitzebogen spielen sieht. „Selbstmörder im Delta“ weiterlesen

Heidschi Bumbeidschi, Mimar Sinan und die Knabenlese

Wem abends von der Mutter vorgesungen wurde, der wird sich nicht ohne Schaudern eines Liedes erinnern, so recht angetan, die Kinderseele mit Angst und das Dunkel des Kinderzimmers mit Schreckgestalten zu füllen. War schon die erste Strophe schlimm genug, in der die Mutter in die Rolle einer Fremden schlüpfte, um aus deren Perspektive dem Kind von ihrer, der Mutter, Fortgang ohne Wiederkehr zu berichten, so tat sich in der letzten ein anderes, noch gesteigertes Horrorszenario auf, in gespiegelter Symmetrie:
Der Heidschi Bumbeidschi is kumma
und håt ma mein Biable mitgnumma;
er håt ma’s mitgnumma und håts neamer bråcht,
drum winsch i mein’ Biaberl a recht guate Nåcht!
Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
åber heidschi bumbeidschi bum bum.

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 3

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

3.: Eine Abschweifung zu Melnikov

In diesem Kontext der rhetorischen Analogie mag der Barock die Perspektive (die Zentralperspektive) aufgefaßt haben, wenn sie ihm nicht lediglich ein Werkzeug zur illusionistischen Raumdarstellung war. In einem anderen Sinn zum Werkzeug wird sie Konstantin Melnikov, der in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit denselben Mitteln die Auflösung des zentralperspektivischen Raums betrieb und dessen Ziel war, Räume jenseits des statischen Raumbilds der Neuzeit zu bilden, paradoxe dynamische Räume, die darauf angelegt waren, den Betrachter in seiner Gewißheit zu erschüttern und in eine ganz neue Beziehung zur Grundgegebenheit des Raums zu stellen.

Konstantin Melnikov, Sowjetischer Pavillon auf der Exposition des Artistes Décorateurs, Paris 1925, Postkarte

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Große Männer und der Alkohol

Mustafa Kemal Atatürk war nicht nur ein unbezweifelbar großer Mann, er war auch ein großer Trinker, und es ist schwer zu sagen, ob zwischen beidem ein Zusammenhang besteht. Sein aktueller Nachfolger im Präsidentenamt scheint aber eine solche Vermutung zu bestätigen, denn er trinkt nicht, vermutlich nicht einmal heimlich.

Ein verengendes Panorama

Vor acht Jahren, 2010 war es, daß Istanbul die Rolle der Europäischen Kulturhauptstadt übernahm. — Zur Erinnerung: Ziel dieser Einrichtung ist es, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen – so wenigstens ist es in Wikipedia zu lesen, und in diesem besonderen Fall war es das erklärte Ziel, die Türkei näher an Europa heranzuführen. Ob Melina Mercouri, auf deren Initiative die alljährliche Ausrufung einer kulturellen Hauptstadt Europas zurückgeht, bei ihrem Vorstoß auch die ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches in betracht gezogen hatte, wird sich kaum herausfinden lassen.

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Delphische Gemütsergötzungen

Albert Tournaire – École nationale supérieure des Beaux-Arts
Gibt es einen anderen Ort, der in einem solchen Maß einen Eindruck des Heiligen zu vermitteln in der Lage sein könnte? Dessen Heiligsein keines Glaubens, ja nicht einmal einer Bereitschaft zur Religiosität verdankte, sondern der es vermöchte, dem Fernestehenden einen Eindruck, ein Empfinden von dem zu vermitteln, was ein Heiliges vielleicht sein könnte? Benares käme einem noch in den Sinn, als ein Ort, den man kaum als den Ausdruck einer systematischen Religion wahrnehmen wird, sondern der selbst heilig ist, an dem durch ihn und in ihm selbst sich das Heilige zu manifestieren scheint.

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Τα παιδιά του Πειραιά

Von Piräus aus, genauer vom alten Hafen Neas, wo wir einige Tage lagen, hätte es sich, so dachten wir, angeboten, zur Unterhaltung der Handvoll Besucher unserer mit so vieler Mühe gepflegten Internetseite sozusagen als Treuebonus einen link zu Melina Mercouris legendärer Gesangseinlage in Dassins Komödie Ποτέ Την Κυριακή (Sonntags… nie!, Griechenland 1960) einzubauen, wie wir ähnliches ja schon gelegentlich unternommen hatten. Als zweifacher Anachronismus, so meinten wir, würde es sowohl zum Ort wie auch zu Seefahrt und Reise und somit denkbar gut in den Rahmen unserer verstreuten Betrachtungen passen – und außerdem meint Borges, die Wirklichkeit liebe die Symmetrien und die leichten Anachronismen (wobei dieser hier allerdings ein eher schwergewichtiger gewesen wäre).
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Mediterraner Kulturpessimismus, oder: Von Harz bis Hellas nur Bekanntes

Vor einigen Jahren, im Zuge einer baugeschichtlichen Photokampagne in Mantua, verschlug es uns nach Peschiera del Garda, einen Ort, den wir sonst wohl eher gemieden haben würden, hielte hier nicht der Nachtzug nach München. Für das Abendessen stand eine beachtliche Zahl an Restaurants zur Auswahl – der Ort ist auf einen großen Andrang von Touristen eingestellt, hauptsächlich deutscher. Die Speisekarten wiesen ausschließlich italienische Gerichte auf, was insofern nicht ganz selbstverständlich ist, als die Ufer des Gardasees ja vor noch nicht allzulanger Zeit mit Etablissements überschwemmt waren, die mit ›deutschem Kaffee und Kuchen‹ warben. Sollte sich hieraus auf einen Wandel schließen lassen, vom ängstlichen Bestehen auf Heimatlich-Vertrautes hin zu einer Offenheit für das Fremde, einer um sich greifenden Neugier auf das Authentische, Ungewohnte, Unbekannte, dessen Ort die Fremde ja ist?  „Mediterraner Kulturpessimismus, oder: Von Harz bis Hellas nur Bekanntes“ weiterlesen

Drei Museen in Tirana

1. Muzeu Historik Kombëtar, Nationalhistorisches Museum

Das größte Museum des Landes, mit angeblich über einer Million Besucher im Jahr, von denen sich jedoch keiner zeigte, als wir am späten Sonntagvormittag dort waren. Erste Abteilung Frühgeschichte und Antike, bei den Exponaten schwer zu unterscheiden, ob es sich um alte Stücke oder um gipserne Abgüsse handelt – eine etwas unsaubere Mischung aus Konservatorenpalast und Museo della civiltà romana. Wie zu erwarten eine patriotisch-heroisierende Skanderbeg-Abteilung, bei der alles aus Faksimiles oder Nachempfundenem bestand, bis hin zu Schwert und Helm. Danach nur noch Helden und Märtyrer, in Arrangements, die aussehen, als habe sich Boltanski von ihnen inspirieren lassen. Bilder von Individuen, entweder als Strecken enstellter blutverkrusteter Leichen oder in langen Reihen unscharfer Porträts von Heroen des Partisanenkampfs, jeweils mit kurzem Lebenslauf und, in einer Vitrine, ein Kleidungsstück und die Waffe des Porträtierten. Auch Opfer der Hoxha-Diktatur sind vertreten, und es ist in diesem unmittelbaren Nebeneinander auffällig, wie sehr sich die Bilder der beiden Abteilungen gleichen, wie ununterscheidbar sie sind. Was bleibt, ist der bedrückende Eindruck einer allumfassenden Gewalttätigkeit, fast ist man geneigt, von einer Kultur der Gewalt zu sprechen. Am Ende dieses Komplexes (dessen Unterteilung in die verschiedenen Epochen der Gewalttätigkeit ohne die Beschriftungen nicht erkennbar ist) Kriegsbeute: Waffen und Gerät aus den Beständen der Wehrmacht. Folgt, wenig organisch, eine kleine Kollektion von Ikonen, schließlich noch, mit großen farbigen Photographien diesmal, ein Raum, in dem das Hohelied von Mutter Theresa gesungen wird und der aussieht wie ein Messestand.

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 2

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

2.: Zur Perspektive

Es ist also schon der Raum selbst, der hier den Gegenstand der Perspektive anschlägt – ein Thema, das sich durch ein merkwürdiges Oszillieren auszeichnet zwischen dem, was der Begriff unmittelbar als Teil der geometrischen Optik bezeichnet und seiner Verwendung als Metapher der Welterkenntnis und Weltaneignung. Die Entdeckung oder auch Erfindung der Zentralperspektive läßt sich, wenn auch nicht ohne Vorbehalt, durchaus als den Gründungsakt der Neuzeit auffassen. Der Nachweis, daß das Sehen, also die Wahrnehmung, genauen geometrischen Gesetzen folgt, somit eins ist mit der intelligiblen Erkenntnis, muß ein grandioser Befreiungsschlag gewesen sein.

Porträt des Filippo Brunelleschi aus Giorgio Vasari, Le vite…, Florenz 1550.

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Tourismuswerbung

Jüngst, auf dem Flughafen in Tegel den Abflug nach Dubrovnik (ehedem Ragusa) erwartend, sah man sich auf den omnipüräsenten Flachbildschirmen der Wartehalle der Endlosschleife eines Werbefilms ausgesetzt, der zum Urlaub in Ägypten animieren sollte. Allerhand Einladendes bekam man vorgeführt: einen Mann, der in ein großes blaues Meer springt, bunte Fische unter Wasser, einen üppig gedeckten Frühstückstisch, nette Eingeborene mit farbenfrohen Mützchen, freundliche Wohlfühlmusik machend, einen romantischen Blick vom Hotelbalkon in den Sonnenuntergang und anderes mehr. Nichts dagegen von alledem, das Ägypten seit der Erfindung des Tourismus zu dessen bevorzugtem Ziel machte: keine Pyramide, kein Tempel, nicht Abu Simbel, nicht Memphis, nicht einmal ein Tut Ench Amun, auch keine Moschee, keine Medrese, kein Simneonskloster, kein Markt, kein Basar, kein Kaffeehaus. — Die zugkräftige Argumentation der beauftragten Werbeagentur sich auszumalen, bedarf keiner ausgeprägten Phantasie.

[fb]

Aus dem Land der Skipetaren

Skanderbegs Burg auf Kap Radoni (Albinfo)
Unser erster Anlaufpunkt in Albanien war, nach dem Einklarieren in Shëngjin, das sich nicht nur chinesisch anhört, sondern auch so aussieht, Kap Radoni, früher San Giovanni di Medua, albanisch Kepi i Rodonit, benannt nach Redon, dem illyrischen Gott der Wanderer und Seefahrer. Schöner kann man es wohl nicht haben – wir ankerten in einer von fernen, im Dunst zerfließenden gestaffelten Bergketten umgebenen großen Bucht vor einer mit üppigster Vegetation bewachsenen langen schmalen Landzunge, deren schroffe erodierende Flanken sich mit sanft zum Meer hin abfallenden grünen Matten abwechseln.

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