Eine rhetorische Konstruktion in Cattaro

Was uns in Kotor am meisten entzückte – vielleicht, weil es so unerwartet kam –, war eine barocke Altarkomposition, korrekt gesprochen ein zum Lettner erweitertes Altarretabel in der kleinen Klarissinnenkirche, als halbhohe Schranke mit zwei Türen leicht chorwärts geschwungen in den einfachen rechteckigen Raum gestellt, Werk des venezianischen Bildhauers Francesco Cabianca (1665-1737), der wegen der schlechten Auftragslage in der schwächelnden serenissima, wohl aber auch, weil ihm sein Arzt zur Heilung eines venerischen Übels zu einer Seereise geraten hatte, mit seiner Familie nach Dalmatien übersiedelte und zwischen 1704 und 1708 in Kotor bezeugt ist.

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Idyllisches und weniger Idyllisches aus Montenegro

Die Fahrt durch die Bucht von Kotor, ital. le bocche di Cattaro, die gelegentlich als südlichster Fjord Europas bezeichnet wird (Slartibartfast?!) – geologisch inkorrekt indes, verdankt sie ihre Entstehung nicht einem Gletscher, sondern bildete sich aus einem Flußtal –, ist zweifelsohne eine der spektakuläreren Partien einer ja an Spektakulärem nicht armen Reise entlang der adriatischen Küsten. An die dreißig Kilometer ist sie lang, besteht aus vier weiten Becken, die durch enge Durchlässe verbunden und von bis zu 1000 Meter hohen Bergzügen umstanden sind. Am Ende der letzten dieser Buchten liegt Kotor, einer der sichersten Häfen der Adria und dazu strategisch höchst günstig gelegen. Er war die Basis für die U-Boote der österreichisch-ungarische Marine; auch andere ihrer Flotteneinheiten lagen hier während des Ersten Weltkriegs, veraltetes Material und Gerät zumeist, das nie zum Einsatz kam und wo es schließlich wegen der immer unerträglicher werdenden Zustände, angeregt durch die Februarrevolution in Russland ein Jahr zuvor, im Februar 1918 zu einer großen, doch rasch niedergeschlagenen Revolte kam, der Friedrich Wolf 1930 das Theaterstück ›Die Matrosen von Cattaro‹ widmete.

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Vom Reisen im Zeitalter des selfie

Warum reisen? — Wenn jeglicher Unmittelbarkeit eine medialisierte Erfahrung, jeglichem spontanen Erleben ein medialisiertes voranging, wenn also jedes Unmittelbare zum déja-vu geworden ist und an eine Medienkonserve erinnert – wozu dann noch reisen? Man reist, so will es die Tradition, aus Neugierde, um fremde Länder und Menschen aufzusuchen, oder man tut es, um etwas zu entdecken, etwas herauszufinden oder etwas zu lernen. (Selbstverständlich reist man auch in Geschäften, was uns hier aber nicht interessiert, genausowenig wie diejenigen, die reisen, um sich einen Mordsrausch samt zugehörigem Sonnenbrand einzufangen.)

Daß das Reisen bilde, wird sich kaum noch mit Fug und Recht behaupten lassen. Denn hierfür wäre eine zumindest rudimentäre Vor-Bildung die Voraussetzung, und das Vorhandensein einer solchen würde im Verhalten des Reisenden zum Ausdruck kommen: Aus der Art und Weise seiner Betrachtung spräche Neugierde, aus seiner Haltung und seinem Benehmen dem Betrachteten gegenüber Respekt. Von Solchem kann aber nur noch in Ausnahmefällen die Rede sein. Zwar sind vielleicht solche Reisenden, die zumindest ihren alten Baedecker, vielleicht gar die gleichfalls roten Bände des Touring Club Italiano oder den Dehio in der Tasche haben, nicht einmal weniger geworden, doch spielen sie unter den drei Millionen, die jedes Jahr mit dem Flugzeug in Dubrovnik einfallen, verstärkt von einer knappen Million, die von den großen Kreuzfahrschiffen noch zusätzlich ausgespuckt werden, keinerlei Rolle mehr. 

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Be vulgar, by all Means!

Unfaithfully Yours, einer der späteren Filme von Preston Sturges, enthält eine der präzisesten Aussagen wenn nicht gar zur Ästhetik des Films an sich, so zumindest zum ästhetischen Programm des Regisseurs selbst, eines Mannes, von dem man annehmen kann, daß er wie wenige andere sein Tun kritisch reflektierte. Viele seiner Filme, am explizitesten wohl Sullivan’s Travels, sind genaue Bestimmungen der Beziehung zwischen Hoch- und Populärkultur, und sie akzeptieren, in guter angelsächsischer Tradition, eine Scheidelinie nicht. Rex Harrison spielt in besagter screwball comedy einen Dirigenten, dem während einer Orchesterprobe von Rossinis Semiramide-Ouverture vom Mann mit den Becken auf die Forderung nach mehr Einsatz die Frage But wouldn’t that be vulgar? […] As a small boy I was learned always never to be vulgar! gestellt wird, was der Maestro mit dem Ausruf beantwortet: Be vulgar, by all means! Der folgende Einsatz des Schlagwerks wie auch die gesamte filmische Darlegung des Musikstücks könnten lustvoller nicht sein, was noch dadurch unterfüttert wird, daß der Dirigent sich während des Dirigierens eine Zigarette ansteckt. Hätte die Popart sich je zur Bewegung formiert und wäre öffentlich aufmarschiert, ein besseres Banner hätte sie nicht vor sich her tragen können.

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Komm in den totgesagten Park …

Unser treuer Baedecker, ›Dalmatien und die Adria‹, Leipzig 1928, der verläßlich benennt, was es noch gibt und der ebenso verläßlich aufzeigt, was alles verschwunden ist, empfiehlt beim Besuch der Insel Hvar einen Nachmittagsausflug im Segelboot zur »von üppigstem Pflanzenwuchs umrahmten Bucht Palmisana auf der Nordseite der Insel Sv. Klement (San Clemente), mit dem Sandstrand Vinogradišće«, wozu allerdings zuvor die Erlaubnis des Besitzers, Prof. Eugen Meneghello in Hvar einzuholen sei.
Eugen Meneghello, Botaniker und Mathematiker, begann 1906, noch unter österreichischer Herrschaft also, die Insel zu einem botanischen Garten auszugestalten. Ob sie, wie behauptet wird, schon seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie gewesen war, sei dahingestellt – Tatsache ist, daß er hier eine Art Klein-Mexiko schaffen wollte, ein europäisches Neu-Mexiko in Gestalt eines botanischen Exilkongresses mesoamerikanischer Pflanzen. Welchen Umständen es zu verdanken ist, daß sein Werk nicht nur die Wirren des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Repressalien des Tito-Kommunismus überstand und selbst den Übergang in den ausufernden touristischen Kapitalismus bewältigte, böte den perfekten Stoff für eine breit angelegte Familiensaga. Heute jedenfalls ist Palmišana ein Familienunternehmen mit Marina, Hotel und Restaurants, und das Garn des Gründungsmythos vom leidenschaftlichen Botaniker und seinen unbeugsamen Nachfahren wird gern und wirkungsvoll gesponnen. Der Garten selbst gerät dabei freilich ein wenig in Vergessenheit – sich selbst überlassen, wildert er wenig glücklich vor sich hin, die Flüsse von Energie und Mitteln scheinen nicht in seine Pflege und Erhaltung gelenkt zu werden.

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And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin

Hans August Schröder (1930-2011), der seinen Weg als Page im Adlon begonnen hatte, später zum geschätztesten barman Berlins avancierte, bevor er mit 72 Jahren seine Lokalität, den von ihm 1976 gegründeten Rum Trader, an Gregor Scholl übergab und ein Studium der Sinologie aufnahm, ein nach allem, was man über ihn hört, weltläufiger, gebildeter und ausgesprochen belesener Mann von ausgeprägtem Witz, war einst in die Fänge des Finanzamts geraten. Steuernachzahlungen wurden von ihm gefordert, in so beträchtlicher Höhe, daß sie ihm das Genick gebrochen haben würden. „And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin“ weiterlesen

Perspektive bei Walter De Maria – Teil 1

»…lines traveling out to infinite points…« 

Ein Essay in zehn Lieferungen

Apollo’s Ecstasy. Photo Fritz Barth, © Estate of Walter De Maria

1.: Der Raum im arsenale

Apollo’s Ecstasy, ein 1990 entstandenes Werk von Walter De Maria, war 2013 ein Lichtblick auf der Biennale in Venedig, ein Ereignis, das jede Anreise lohnte – wobei vielleicht der letzte Teil des Wegs sich als der undankbarste erweisen mochte, der Gang durch die endlosen Hallen des arsenale mit all den hier versammelten Konfusionen.

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Apoxyomenos II

Bekannte unerwartet zu treffen ist bekanntlich eine durchaus ambivalente Angelegenheit – ein so knappes wie komplexes Doppelpalindrom beschreibt dies treffend: »A, die Ida! – I, da Adi!« Dem armen Striegler aus Klein-Lötzing nach so kurzer Zeit schon wieder über den Weg zu laufen, war somit nicht unbedingt erfreulich, zumal die erste Begegnung noch nicht richtig verdaut war. Doch sollte beim zweiten Mal alles anders sein. Der architektonische Rahmen war diesmal keineswegs ein peinlicher, ganz im Gegenteil: Die Kirche des hl. Donatus in Zadar ist einer der Räume, in denen einem der Atem stockt – im frühen 9. Jahrhundert von eben jenem Donatus als Dreifaltigkeitskirche erbaut, vereint sie die Disposition der nur wenige Jahre zuvor fertiggestellten Aachener Pfalzkapelle mit byzantinischen Einflüssen, wobei die typologische Rafinesse darin besteht, daß das karolingische Vorbild selbst sich auf San Vitale in Ravenna bezieht, einen Bau, der sich nicht an Kirchentypen orientiert, sondern an dem von Justin II. errichteten Chrysotriklinos, der heute nur noch aus der Literatur bekannten Empfangshalle des Kaiserpalasts in Konstantinopel. „Apoxyomenos II“ weiterlesen

Gewalttätiges aus Zadar

Jacopo Tintoretto, Battaglia di Zara, Sala dello Scrutinio, Palazzo Ducale, Venedig.

Die sala dello scrutinio im Dogenpalast ziert ein großes Gemälde von Tintoretto, eine wüste Schlachtenszene, La conquista di Zara betitelt. Dargestellt ist die 13tägige Belagerung von Zadar im Jahr 1202, die mit der Einnahme und, wie es sich gehörte, Plünderung und mit Ausnahme der Kirchen nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt endete und sie in venezianischen Besitz brachte, allerdings nur bis 1242. Danach ging es hin und her, die Herrschaft wechselte häufig, bis schließlich Ladislaus von Neapel, der 1403 in Zadar zum kroatisch-ungarischen König gekrönt worden war, 1409 die Stadt samt seiner Rechte auf Dalmatien für 100.000 Dukaten an die serenissima verkaufte. In deren Besitz sollte sie bis 1797 bleiben, bis also das venezianische Staatswesen sein Ende nahm.

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Eine kurzer urbanistischer Ausflug

Rab, die Hauptstadt der gleichnamigen Insel, hätte durchaus das Zeug dazu, neben Plečniks Laibach weit oben auf der Exkursionszielliste für angehende Städtebauer, ja für alle Adepten der Baukunst einen Platz zu beanspruchen. Vom Meer her gesehen wird eine großartigere Silhouette als das Panorama der vier in rhythmisierten Abständen auf hohem Fels gebauten Kirchtürme schwerlich zu finden sein, und auch die stadträumlichen Qualitäten, die Mittelalter und frühe Neuzeit dem Schema der römischen Militärstadt überstülpten, düften sich besser kaum finden lassen, wie auch die venezianische délicatesse der Bautenzier.

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Sie haben sie nicht verdient, die Antike.

Ein Grund – oder der Grund, nach Mali Lošinj, früher Lussinpiccolo, auch Klein-Lötzing, als die Adria noch gut österreichisch war, zu kommen, einem im übrigen nicht unhübschen Städtchen, das etwas Industrie vorweisen kann, jedoch hauptsächlich vom Tourismus lebt, mit allen Folgen, ist der Apoxyomenos, die hellenistische Bronzekopie eines verlorenen Originals aus dem 4. Jh., einen nackten Athleten darstellend, der sich nach dem Wettkampf Schweiß, Staub und Öl von der Haut schabt – die Seife war in der Antike zwar schon erfunden, wurde jedoch nur als Medizin und nicht zur Reinigung gebraucht (wir hätten sonst vielleicht andere Plastiken). Der bronzene Jüngling wurde 1996 unweit der Insel Lošinj zufällig von einem belgischen Taucher entdeckt, in 45 m Tiefe, drei Jahre später geborgen und langwierig restauriert. Er wurde danach für ein paar Jahre auf Reisen geschickt, als eine Art Botschafter Kroatiens, um schließlich 2016 sein eigenes Museum zu beziehen, ein schmuck renoviertes, als ›Kvarner-Palast‹ bezeichnetes Haus am Hafenbecken von besagtem Klein-Lötzing. Museum und Figur werden stark beworben, erhoffen Stadt und Insel sich doch eine Hebung des Tourismus, und sollen nun neben Badegästen und Seglern auch die Reisenden in Sachen Kultur auf ihre Rechnung kommen. »Mali Lošinj und Kroatien«, so heißt es, »können sich nunmehr unter die wichtigsten touristischen Standorte mit reichem Kulturerbe und kulturellem Angebot einreihen.« Hier ist eine patriotische oder chauvinistische Komponente nicht fern, wird doch der Jüngling, dessen Beziehung zum Ort aus wenig anderem besteht, als hier vor knapp 2000 Jahren im Sturm über Bord geworfen worden zu sein, nun zum Sinnbild einer nationalen kulturellen Identität ausgerufen, wo doch einzig die Berufung auf einen übergreifenden antiken Kulturraum angemessen wäre.

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Pula, oder von den Segnungen der Industrie

Einen Ort zu finden, der nicht ausschließlich vom Tourismus lebt, oder der nicht gänzlich dem Tourismus geopfert wurde, oder der sein Überleben nicht ausschließlich dem Tourismus verdankt, dürfte an der kroatischen Adriaküste nicht einfach sein. Die Sinnentstellung der Städte, die der enthemmte Tourismus nach sich zieht, ihre Degradierung zum voyeuristischen Objekt, die Entfremdung, die im Gefolge der spätkapitalistischen Erfolgsgeschichte unabdingbar scheint, erfüllen mit einem Gemisch aus Wut und Wehmut, das nicht notwendigerweise sentimental sein muß.

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Lebende Denkmäler auf Brioni

Wer aus Interesse an architektonischen Monumenten nach Brioni reist, wird enttäuscht sein – Plečniks Alterswerk, der Pavillon, den er hier für Tito baute, wird für ihn unsichtbar bleiben, und schon die Frage danach ruft ein verständnisloses, ja mitleidiges Lächeln ob der Naivität eines solchen Ansinnens hervor, sind weite Teile des Archipels doch Sperrgebiet und ist hier weniges so präsent wie die allgegenwärtigen Zäune. Doch hat die Insel anderes, größeres zu bieten: die unmittelbare Teilnahme am verblichenen Marschall und Staatenlenker, und zwar vermittels lebender Objekte, die weit mehr als schlichte Zeitzeugen sind.

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Schwalben

Das Anrührendste in Poreč – die Byzantinisten, allen voran Hans Buchwald, mögen mir verzeihen, bin ich mir der Bedeutung der Euphrasius-Basilika zwar voll bewußt, jedoch, um ehrlich zu sein, nicht von ihr angerührt – sind die Schwalben, die sich um den Turm besagter Kirche scharen, unter heftigem Gezwitscher kühnste Flugmanöver exerzierend. Bei uns zuhause kaum mehr aufzufinden (die sorgsam gehüteten Nester am Nachbarhaus sind seit zwei Jahren vakant), sieht man sie hier, wo die Kargheit der Böden einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung entgegensteht, noch in großen Mengen.

[fb]