Was uns in Kotor am meisten entzückte – vielleicht, weil es so unerwartet kam –, war eine barocke Altarkomposition, korrekt gesprochen ein zum Lettner erweitertes Altarretabel in der kleinen Klarissinnenkirche, als halbhohe Schranke mit zwei Türen leicht chorwärts geschwungen in den einfachen rechteckigen Raum gestellt, Werk des venezianischen Bildhauers Francesco Cabianca (1665-1737), der wegen der schlechten Auftragslage in der schwächelnden serenissima, wohl aber auch, weil ihm sein Arzt zur Heilung eines venerischen Übels zu einer Seereise geraten hatte, mit seiner Familie nach Dalmatien übersiedelte und zwischen 1704 und 1708 in Kotor bezeugt ist.
Idyllisches und weniger Idyllisches aus Montenegro
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Vom Reisen im Zeitalter des selfie
Warum reisen? — Wenn jeglicher Unmittelbarkeit eine medialisierte Erfahrung, jeglichem spontanen Erleben ein medialisiertes voranging, wenn also jedes Unmittelbare zum déja-vu geworden ist und an eine Medienkonserve erinnert – wozu dann noch reisen? Man reist, so will es die Tradition, aus Neugierde, um fremde Länder und Menschen aufzusuchen, oder man tut es, um etwas zu entdecken, etwas herauszufinden oder etwas zu lernen. (Selbstverständlich reist man auch in Geschäften, was uns hier aber nicht interessiert, genausowenig wie diejenigen, die reisen, um sich einen Mordsrausch samt zugehörigem Sonnenbrand einzufangen.)
Be vulgar, by all Means!
Komm in den totgesagten Park …
And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin
Hans August Schröder (1930-2011), der seinen Weg als Page im Adlon begonnen hatte, später zum geschätztesten barman Berlins avancierte, bevor er mit 72 Jahren seine Lokalität, den von ihm 1976 gegründeten Rum Trader, an Gregor Scholl übergab und ein Studium der Sinologie aufnahm, ein nach allem, was man über ihn hört, weltläufiger, gebildeter und ausgesprochen belesener Mann von ausgeprägtem Witz, war einst in die Fänge des Finanzamts geraten. Steuernachzahlungen wurden von ihm gefordert, in so beträchtlicher Höhe, daß sie ihm das Genick gebrochen haben würden. „And now for something completely different: Eine kurze Exkursion nach Berlin“ weiterlesen
Perspektive bei Walter De Maria – Teil 1
»…lines traveling out to infinite points…«
Ein Essay in zehn Lieferungen

1.: Der Raum im arsenale
Apollo’s Ecstasy, ein 1990 entstandenes Werk von Walter De Maria, war 2013 ein Lichtblick auf der Biennale in Venedig, ein Ereignis, das jede Anreise lohnte – wobei vielleicht der letzte Teil des Wegs sich als der undankbarste erweisen mochte, der Gang durch die endlosen Hallen des arsenale mit all den hier versammelten Konfusionen.
Apoxyomenos II
Bekannte unerwartet zu treffen ist bekanntlich eine durchaus ambivalente Angelegenheit – ein so knappes wie komplexes Doppelpalindrom beschreibt dies treffend: »A, die Ida! – I, da Adi!« Dem armen Striegler aus Klein-Lötzing nach so kurzer Zeit schon wieder über den Weg zu laufen, war somit nicht unbedingt erfreulich, zumal die erste Begegnung noch nicht richtig verdaut war. Doch sollte beim zweiten Mal alles anders sein. Der architektonische Rahmen war diesmal keineswegs ein peinlicher, ganz im Gegenteil: Die Kirche des hl. Donatus in Zadar ist einer der Räume, in denen einem der Atem stockt – im frühen 9. Jahrhundert von eben jenem Donatus als Dreifaltigkeitskirche erbaut, vereint sie die Disposition der nur wenige Jahre zuvor fertiggestellten Aachener Pfalzkapelle mit byzantinischen Einflüssen, wobei die typologische Rafinesse darin besteht, daß das karolingische Vorbild selbst sich auf San Vitale in Ravenna bezieht, einen Bau, der sich nicht an Kirchentypen orientiert, sondern an dem von Justin II. errichteten Chrysotriklinos, der heute nur noch aus der Literatur bekannten Empfangshalle des Kaiserpalasts in Konstantinopel. „Apoxyomenos II“ weiterlesen
Gewalttätiges aus Zadar

Die sala dello scrutinio im Dogenpalast ziert ein großes Gemälde von Tintoretto, eine wüste Schlachtenszene, La conquista di Zara betitelt. Dargestellt ist die 13tägige Belagerung von Zadar im Jahr 1202, die mit der Einnahme und, wie es sich gehörte, Plünderung und mit Ausnahme der Kirchen nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt endete und sie in venezianischen Besitz brachte, allerdings nur bis 1242. Danach ging es hin und her, die Herrschaft wechselte häufig, bis schließlich Ladislaus von Neapel, der 1403 in Zadar zum kroatisch-ungarischen König gekrönt worden war, 1409 die Stadt samt seiner Rechte auf Dalmatien für 100.000 Dukaten an die serenissima verkaufte. In deren Besitz sollte sie bis 1797 bleiben, bis also das venezianische Staatswesen sein Ende nahm.
Eine kurzer urbanistischer Ausflug
Rab, die Hauptstadt der gleichnamigen Insel, hätte durchaus das Zeug dazu, neben Plečniks Laibach weit oben auf der Exkursionszielliste für angehende Städtebauer, ja für alle Adepten der Baukunst einen Platz zu beanspruchen. Vom Meer her gesehen wird eine großartigere Silhouette als das Panorama der vier in rhythmisierten Abständen auf hohem Fels gebauten Kirchtürme schwerlich zu finden sein, und auch die stadträumlichen Qualitäten, die Mittelalter und frühe Neuzeit dem Schema der römischen Militärstadt überstülpten, düften sich besser kaum finden lassen, wie auch die venezianische délicatesse der Bautenzier.
Sie haben sie nicht verdient, die Antike.
Ein Grund – oder der Grund, nach Mali Lošinj, früher Lussinpiccolo, auch Klein-Lötzing, als die Adria noch gut österreichisch war, zu kommen, einem im übrigen nicht unhübschen Städtchen, das etwas Industrie vorweisen kann, jedoch hauptsächlich vom Tourismus lebt, mit allen Folgen, ist der Apoxyomenos, die hellenistische Bronzekopie eines verlorenen Originals aus dem 4. Jh., einen nackten Athleten darstellend, der sich nach dem Wettkampf Schweiß, Staub und Öl von der Haut schabt – die Seife war in der Antike zwar schon erfunden, wurde jedoch nur als Medizin und nicht zur Reinigung gebraucht (wir hätten sonst vielleicht andere Plastiken). Der bronzene Jüngling wurde 1996 unweit der Insel Lošinj zufällig von einem belgischen Taucher entdeckt, in 45 m Tiefe, drei Jahre später geborgen und langwierig restauriert. Er wurde danach für ein paar Jahre auf Reisen geschickt, als eine Art Botschafter Kroatiens, um schließlich 2016 sein eigenes Museum zu beziehen, ein schmuck renoviertes, als ›Kvarner-Palast‹ bezeichnetes Haus am Hafenbecken von besagtem Klein-Lötzing. Museum und Figur werden stark beworben, erhoffen Stadt und Insel sich doch eine Hebung des Tourismus, und sollen nun neben Badegästen und Seglern auch die Reisenden in Sachen Kultur auf ihre Rechnung kommen. »Mali Lošinj und Kroatien«, so heißt es, »können sich nunmehr unter die wichtigsten touristischen Standorte mit reichem Kulturerbe und kulturellem Angebot einreihen.« Hier ist eine patriotische oder chauvinistische Komponente nicht fern, wird doch der Jüngling, dessen Beziehung zum Ort aus wenig anderem besteht, als hier vor knapp 2000 Jahren im Sturm über Bord geworfen worden zu sein, nun zum Sinnbild einer nationalen kulturellen Identität ausgerufen, wo doch einzig die Berufung auf einen übergreifenden antiken Kulturraum angemessen wäre.
Grundlos geigende Frauen
Der Bezirksbeirat von Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin, Deutschland, beschloß vor einiger Zeit, diskriminierender, also vor allem gendergerechtigkeitswidriger Werbung den Kampf anzusagen und ›grundlos lächelnde Frauen‹ (so ist es tatsächlich im Beschluß formuliert) von den in kommunalem Besitz befindlichen Plakatwänden zu verbannen.
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Pula, oder von den Segnungen der Industrie
Einen Ort zu finden, der nicht ausschließlich vom Tourismus lebt, oder der nicht gänzlich dem Tourismus geopfert wurde, oder der sein Überleben nicht ausschließlich dem Tourismus verdankt, dürfte an der kroatischen Adriaküste nicht einfach sein. Die Sinnentstellung der Städte, die der enthemmte Tourismus nach sich zieht, ihre Degradierung zum voyeuristischen Objekt, die Entfremdung, die im Gefolge der spätkapitalistischen Erfolgsgeschichte unabdingbar scheint, erfüllen mit einem Gemisch aus Wut und Wehmut, das nicht notwendigerweise sentimental sein muß.
Lebende Denkmäler auf Brioni
Schwalben
Das Anrührendste in Poreč – die Byzantinisten, allen voran Hans Buchwald, mögen mir verzeihen, bin ich mir der Bedeutung der Euphrasius-Basilika zwar voll bewußt, jedoch, um ehrlich zu sein, nicht von ihr angerührt – sind die Schwalben, die sich um den Turm besagter Kirche scharen, unter heftigem Gezwitscher kühnste Flugmanöver exerzierend. Bei uns zuhause kaum mehr aufzufinden (die sorgsam gehüteten Nester am Nachbarhaus sind seit zwei Jahren vakant), sieht man sie hier, wo die Kargheit der Böden einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung entgegensteht, noch in großen Mengen.
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