GEISELHAFTEN II

Nicht nur Casanova wird hier in Schuldhaft gehalten (s. Beitrag vom 27. März): In Sichtweite der INO, einen Steinwurf nur entfernt, ist die ›Oslo‹ festgemacht, ein Schüttgutfrachter mit 225 Metern Länge und 38835 Bruttoregistertonnen. Zwecks Eintreibung unbezahlter Rechnungen, die sich schließlich mit Zinsen und Gebühren auf eine knappe halbe Million US-Dollar beliefen, wurde sie im Frühjahr 2016 auf Betreiben eines griechischen Treibstofflieferanten sequestriert, lag vor Malamocco einen guten Monat lang mit einer Ladung brasilianischer Sojabohnen vor Anker und durfte schließlich am 5. Mai im Canale industriale Nord in Porto Marghera an einer verlassenen Mole anlegen. „GEISELHAFTEN II“ weiterlesen

BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN

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Lieber Lorenzo Quinn,

wir vermögen es nicht, zu verhehlen, daß Sie Eindruck auf uns gemacht haben. Anthony Quinns Sohn zu sein, das ist schon etwas, und ihm dazu noch derart ähnlich zu sehen, das ist schon keine Kleinigkeit. Ein wenig mehr Charakter sprach zwar aus des Alten Zügen, es ging ihm die, wie sollen wir es nennen, etwas parfümierte Glätte ab, auf die Sie Wert zu legen scheinen, doch haben Sie’s im Ganzen gesehen gut getroffen. Und erst Ihr Künstlertum! Wir durften Zeuge sein, wie Ihre Assistenten Ihrem neuesten Werk den letzten Schliff gaben, zwei kolossalen Händen, unter Verwendung neuester Technologien aus riesigen Hartschaumblöcken gefräst und mit einer Oberfläche, die ziemlich geschickt den von Ihnen intendierten Eindruck von Beton imitiert, hier in Maghera, keinen Steinwurf von der INO entfernt. „BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN“ weiterlesen

HEIMAT IM TRANSIT

I.    18 Jahre lang, von 1988 bis 2006, lebte der Iraner Mehran Karimi Nasseri auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, nachdem ihm auf der Reise von Frankreich nach England die Papiere gestohlen worden waren, Großbritannien ihn daher nach Paris zurückschickte, wo man ihm aber die Einreise verweigerte. „HEIMAT IM TRANSIT“ weiterlesen

DER ANSTIEG DES LAGUNENSPIEGELS

wird wohl nicht zum Untergang Venedigs führen. Die Freude über diese Nachricht ist jedoch verfrüht: Für die Zerstörung der Stadt muß man keine globalen Ursachen bemühen – die Region selbst stellt alles, was es braucht, im Überfluß zur Verfügung. Betrachtet man die sich rasant beschleunigenden Einbußen an der Substanz während der letzten Jahrzehnte, ja Jahre, so besteht Grund zur Annahme, die Stadt werde, noch bevor sie die Chance zum Versinken bekommt, verrottet, zernichtet und buchstäblich zerfallen sein.  Zwei Substanzen ist dies zu verdanken: HNO3 und H2SO4 – Salpetersäure und Schwefelsäure also. Zerfrißt diese den Marmor, so läßt jene die Ziegelsteine zerbröckeln.

„DER ANSTIEG DES LAGUNENSPIEGELS“ weiterlesen

WHAT DO YOU SEE WHEN YOU TURN OUT THE LIGHT

Der 25. März war einer der zahllosen, in den letzten Jahren inflationär angestiegenen Aktionstage, wie sie in aller Regel ausgerufen werden, um uns moralisch oder wirtschaftlich oder moralisch und wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Der Gedenk- und Aktionstagsstau ist inzwischen so groß geworden, daß, wie bei den Heiligen, sich oft ein ganzes Rudel einen einzigen der unglücklicherweise auf die Zahl von 365 beschränkten Tage des Jahres teilen muß – der berechtigten Anliegen sind halt gar viele. „WHAT DO YOU SEE WHEN YOU TURN OUT THE LIGHT“ weiterlesen

WAS HEISST HIER ›INO‹?

Nein – der Vaporetto wird seinen Namen wohl kaum der »Neuinterpretation klassischer Waschtisch-Formen« verdanken, die als ›Kollektion INO‹ die Zukunft der Sanitärkeramik einläuten soll – auch wenn hier die Bezüge zum Schiff kaum evidenter sein könnten: »elegant, einladend und nahezu schwerelos« sei die Wirkung, und die Rede ist von der »schlichten Linienführung sowie den zarten und dennoch extrem stabilen Wandungen « – besser ließe sich der Vaporetto kaum beschreiben, oder zumindest nicht sein Bild in der Vorstellung der INOnauten – seine platonische Idee gewissermaßen (Ideal & Wirklichkeit: »In stiller Nacht & monogamen Betten…«).

Auch wird die bekannte japanische Mangafigur nicht als Quelle herhalten können, selbst wenn sie sich in Cosplayer-Kreisen großer Beliebtheit zu erfreuen scheint, nach der beeindruckenden Menge an Kostümangeboten zu schließen. Bemerkenswerterweise verfügt sie nicht nur über ein Ich, sondern sogar über ein ›Inneres Ich‹, mit dem man indes nicht gerne Bekanntschaft schließen möchte, nach allem, was man von ihm hört. „WAS HEISST HIER ›INO‹?“ weiterlesen

DIE WILDGÄNSE UND DIE LAGUNE

Die ausgedehnten Hafenanlagen Margheras, der Ort, wo sich die INO gerade befindet, das ehemalige Marschland im Nordosten der Lagune, war einst Teil des ersten großen Rastplatzes für Zugvögel nach der Überquerung der Alpen. Die Erinnerung an diesen längst untergegangenen Ort scheint tief verankert: noch heute sieht man hin und wieder Scharen von Wildgänsen in geringer Höhe über den Öltanks kreisen, freilich ohne daß sie je eine Landung versuchten. [fb]

IL CASANOVA INCARCERATO

Seltsame Trouvaillen, kuriose Koinzidenzen! Lange bevor die INO ihre europäische Entdeckungsfahrt beginnt, jetzt also, wo sie noch aufgebockt an den, oder besser auf den Gestaden Margheras hockt, am Rande eines Kanals nämlich, der nichts mit den canali, rii, fondamente und rive Venedigs zu tun hat, und noch dazu in einem Areal, das die untergegangenen Industrien widerspiegelt wie das untergehende Venedig untergegangene Größe, wirft die Reise schon einen Schatten voraus, resp. es lohnen die zuständigen Genien schon einmal die Mühen des Festlands und die sich hinziehenden Reisevorbereitungen durch einen großzügigen Vorschuß, der für die Zukunft allerhand zu versprechen scheint. „IL CASANOVA INCARCERATO“ weiterlesen