Havarie eines Kreuzfahrtschiffs im Canale della Giudecca, oder: Knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt

Vergangene Woche, so erfuhren wir von Luca, der uns geholfen hatte, die Gasversorgung der INO wieder in Stand zu setzen, sei eines der großen Kreuzfahrtschiffe, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht ein immenses Problem für Venedig sind, im Canale della Giudecca havariert – die Motoren ausgefallen, und die beiden Schlepper, die dazu da waren, den Koloß durch das enge Fahrwasser zu bugsieren, nicht in der Lage zu verhindern, daß das Schiff gefährlich nahe auf Zattere zutrieb. „Havarie eines Kreuzfahrtschiffs im Canale della Giudecca, oder: Knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt“ weiterlesen

INO Bibliothek: Neuzugänge III

Die INO wird auf ihrer Fahrt zwar das eine oder andere Buch mitführen, jedoch den Anspruch auf eine Bordbibliothek keinesfalls erheben können. Diese wird also aus Vorschlägen bestehen, aus einem virtuellen Katalog, der während der Dauer der Fahrt erstellt wird. Wer immer sich berufen fühlt, ist eingeladen, seinen Beitrag zu leisten, der, wie es sich gehört, aus dem Namen des Autors, Titel, Erscheinungsort und -jahr bestehen soll sowie einer kursorischen Notiz, die den Zusammenhang zum Projekt der INO herstellt. Die Beiträge bitte an kontakt@ino-art.eu.

Abraham a Sancta Clara (Ulrich Megerle), Judas der Ertz-Schelm, 4 Bde. Salzburg 1686, 1689, 1692 & 1695. — Linguistische Artistik in skrupellosester Manier.

Bräker, Ulrich, Etwas über William Shakespears Schauspiele, von einem armen ungelehrten Weltbürger, der das Glück genoss denselben zu lesen, St. Gallen 1998 [1780]. — »Ich ehre diesen großen Mann so sehr, als man einen Verstorbenen ehren darf, und wünsch ihn in jener Welt anzutreffen. Das Glück, seine Werke zu lesen, dringt mir diese Zeilen zu seinem Lobe ab, und wenn Shakespeare noch lebte, würde er dies unmündige Lob nicht verachten; vielleicht mich zwischen den Rippen kennen und lächelnd ein gütiges Urteil fällen.« „INO Bibliothek: Neuzugänge III“ weiterlesen

Eine erste Begegnung mit Seeräubern

Ein Seeräuberschiff kreuzte gestern abend bei Treporti unseren Kurs, ein falscher Corsar, eine der zahllosen Ausgeburten erbärmlicher Phantasielosigkeit, mit denen der Tourismus Venedig und die Lagune zu überschwemmen sich nicht geniert. Schon häufiger hatten wir diese nautische Mißgeburt im Giudeccakanal ausmachen können – es muß sich dabei um die Jolly Roger gehandelt haben, beworben als detailgetreuer Nachbau einer venezianischen Galeone, »im modernen Gewand« freilich, mit ärmlich kurzen Masten und wie Schabracken über Vorhangstangen drapierten angedeuteten Segeln, dazu einem auf das viel zu niedrige Achterkastell gesetzten ringsum verglasten Führerstand, um nur das aus der Ferne ins Auge springende zu erwähnen, und so alles in allem bestens geeignet »als exklusive Location für Events verschiedenster Art«, in der Regel mehrmals täglich stattfindende anderthalbstündige Mottoparties für Groß und Klein, die am Ende in einer spannenden Seeschlacht gipfeln. Wem mag ob dieses Beitrags zur Degradierung Venedigs zu einem Themenpark nicht sogar die Lust an Fälschungen vergehen? Und dabei führte sie nicht einmal einen Jolly Roger, sondern hatte bloß eine rote Persenning aufgespannt, damit auch ja keiner der Piraten naß würde.

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Nicht nur Trump zwitschert – 

auch der ehrenwerte Luigi Brugnaro, der aus Mirano gebürtige Bürgermeister von Venedig, Besitzer einer Zeitarbeitsfirma und des hiesigen Basketballklubs, ehemaliger Vorsitzender der Confindustria Venezia, eines mächtigen Industrieverbands, der sich unlängst mit der bemerkenswerten Erklärung hervortat, wer auf dem Markusplatz Allahu akbar riefe, werde sogleich erschossen (»Basta buonismo: a chi grida Allah akbar in Piazza San Marco, noi spariamo«), auch er also nutzt den Kurznachrichtendienst. Gleich wie Trump, in dem er offenbar so etwas wie einen Robin Hood im Präsidentensessel sieht, die Interessen der Amerikaner verteidige, ließ er heute verlautbaren, so verteidige er die der Venezianer – derjenigen unter ihnen, die die Stadt im Herzen trügen (»che hanno a cuore la città«).
Der Mann hat sicher recht. Was immer man dem amerikanischen Präsidenten unterstellen kann, läßt sich auch für den sindaco annehmen: Möglich, daß beide in gleichem Ausmaß lügen, wenn sie solches behaupten, möglich auch, daß beiden ein vergleichbarer Zynismus eignet, und möglich sogar, daß sie beide das tatsächlich glauben.
[fb]

INO Bibliothek: Neuzugänge II

Die INO wird auf ihrer Fahrt zwar das eine oder andere Buch mitführen, jedoch den Anspruch auf eine Bordbibliothek keinesfalls erheben können. Diese wird also aus Vorschlägen bestehen, aus einem virtuellen Katalog, der während der Dauer der Fahrt erstellt wird. Wer immer sich berufen fühlt, ist eingeladen, seinen Beitrag zu leisten, der, wie es sich gehört, aus dem Namen des Autors, Titel, Erscheinungsort und -jahr bestehen soll sowie einer kursorischen Notiz, die den Zusammenhang zum Projekt der INO herstellt. Die Beiträge bitte an kontakt@ino-art.eu.

Brant, Sebastian, Daß Narrenschyff ad Narragoniam, Basel 1494. [10. 10. 17] — Wenn das kein passender Titel ist.
Brodsky, Joseph, Watermark, New York 1992. Dt.: Ufer der Verlorenen, übersetzt von Jörg Trobitius, München 1991 (sic!). [10. 10. 17] — Hommage an die serenissima, an ihre Kunst, ihre Architektur. Wunderbar selbstironisch formulierte Erkenntnisse des Nobelpreisträgers über die ewigen Themen: Liebe, Eros, Treue, Träume, Sehnsüchte und Trennungsschmerz. [Brigitte Maier]
Allgemeines zur Bibliothek der INO sowie die fortlaufend ergänzte Titelliste findet sich hier

DIE BIBLIOTHEK DER INO II – RECLAM

War zunächst unsere Absicht die des Verzichts gewesen auf alles, das den Namen Bibliothek zu Recht führen könnte, ja sollte auch die Anzahl der auf der Fahrt mitzuführenden Bücher eine sehr eingeschränkte sein – der Raum, der auf einem Schiff zur Verfügung steht, ist stets ein begrenzter, und es sind der dringend auf eine neumonatige Reise mitzunehmenden und somit auch zu verstauenden Dinge gar viele –, so schien uns doch alsbald die Vorstellung, ein Leben unter Verzicht auf den verläßlichen Grundstock einer Bibliothek führen zu sollen, zunehmend wenig verlockend, wenn nicht gar fragwürdig, mehr noch, da es bei der langen Unternehmung der INO ja nicht zuletzt um eine Sondierung der geistigen Verfassung Europas gehen soll. Oder so ähnlich. Zwar war der Begriff ›Bibliothek‹ schon früh im Rahmen unseres Vorhabens aufgetaucht, doch nicht bezogen auf eine tatsächliche physische Präsenz von Büchern, sondern als das Projekt einer Art virtueller Bordbibliothek, und auch dieses nicht im Sinn etwa elektronisch kondensiert mitgeführten oder aus irgendwelchen Wolken zu beziehenden Lesestoffs, sondern lediglich als eine im Zuge der Unternehmung anwachsende Liste von Titeln, zu der jeder, so er sich dazu berufen fühlt, das Seinige beizutragen eingeladen ist – die Bibliothek als rhetorisches Konzept gewissermaßen, als ein Stein im Spiel, das die Fahrt ist (näheres hierzu).

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INO Bibliothek: Neuzugänge

Die INO wird auf ihrer Fahrt zwar das eine oder andere Buch mitführen, jedoch den Anspruch auf eine Bordbibliothek keinesfalls erheben können. Diese wird also aus Vorschlägen bestehen, aus einem virtuellen Katalog, der während der Dauer der Fahrt erstellt wird. Wer immer sich berufen fühlt, ist eingeladen, seinen Beitrag zu leisten, der, wie es sich gehört, aus dem Namen des Autors, Titel, Erscheinungsort und -jahr bestehen soll sowie einer kursorischen Notiz, die den Zusammenhang zum Projekt der INO herstellt. Die Beiträge bitte an kontakt@ino-art.eu.

Chamisso, Adelbert von, Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-18 auf der Brigg Rurik Kapitän Otto v. Kotzebue, 2 Bde., Leipzig 1836. [10. 10. 17] — Leiden auf den Wassern, auch ohne explizite Katastrophen.

Doderer, Heimito von, Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre, München 1951. [10. 10. 17] — Das Buch ist durchtränkt vom schon morbiden Geruch des altem K.u.K.-Reichs nach dem 1. Weltkrieg, Heimito von Doderer sagte selbst darüber: »Ein Werk der Erzählkunst ist es um so mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann.« Entwickelt wird nichts anderes als ein weitgehend melancholisches Panoptikum des südöstlichen Europas nach dem 1. Weltkrieg – zentriert um eine allmählich in seiner Macht verfallende Schaltstelle desselben namens Wien. Von hier aus ist der Balkan der atmosphärische Tiefenraum, das Hinterland eines breiten Netzswerks von Geschehnissen und Handlungen, in dem die einzelnen Figuren treiben und getrieben werden…. wie auf einem Boot, das führungslos den Kräften von Wind und Wasser ausgesetzt ist. [Rolf Bier]

Hebel, Johann Peter, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Stuttgart 1811. [10. 10. 17] — »Jetzt aber lese ich die Kalendergeschichten immer wieder aufs neue, möglicherweise weil es, wie auch Benjamin bemerkte, ein Siegel ihrer Vollkommenheit ist, daß man sie so leicht vergißt« (W.G. Sebald).

Herzmanovsky-Orlando, Fritz von, Scoglio Pomo oder Rout am fliegenden Holländer, Salzburg 1984. [10. 10. 17] — Als die Adria noch gut österreichisch war.

Jakobinsky, Vladimir Zeev, Die Fünf, Berlin 2012. [10. 10. 17] — Untergegangenes von der Schwarzmeerküste. Auch der denkwürdigen Biographie des Autors wegen.

Jerofejev, Wenedikt, Die Reise nach Petuschki, München 1978. [10. 10. 17] — Der andere Reiseroman.

Perec, Charles, W ou le Souvenir d’enfance, Paris 1975. [10. 10. 17] — L’utopie au cauchemar.

Ruskin, John, The Stones of Venice, 3 Bde., London 1851-1853. [10. 10. 17] — »We want one man to be always thinking, and another to be always working, and we call one a gentleman, and the other an operative; whereas the workman ought often to be thinking, and the thinker often to be working, and both should be gentlemen, in the best sense.«

Schmidt, Arno, KAFF auch Mare Crisium, Karlsruhe 1960. [10. 10. 17] — Wenn sich schon der Einleitungstext zur Bibliothek der INO so ausführlich darauf bezieht, dann gehört es auch hinein.

Zettels Traum, Stuttgart 1970. [10. 10. 17] — Zur Not auch als Ballast zu gebrauchen.

Shakespeare, William, The Tempest, ed. Rowe London 1719. [10. 10. 17] — War je schönerer Schiffbruch?

Allgemeines zur Bibliothek der INO sowie die fortlaufend ergänzte Titelliste findet sich hier

A FAREWELL TO VENICE – ORTE UND ZWISCHENRÄUME 

Vier europäische Ereignisse, die für sich beanspruchten, die aktuelle Lage der Welt mit den Mitteln der Kunst schlüssig zu erfassen – die Biennalen in Venedig und Istanbul, die documenta in Kassel & in Athen, sowie das Skulpturenprojekt Münster – vermochten es weder einzeln noch in ihrer gesamten Fülle, ein hinreichendes Bild der Verhältnisse zu vermitteln, nämlich die Orte und Positionen, die Ausdehnungen und die räumlichen Parameter der Wahrnehmung in ihren möglichen und vielleicht unabdingbaren Beziehungen und in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten zu vermessen.

Europa als Handlungs- und Wahrnehmungsraum läßt sich nicht anders als durch Reisen erfassen. Der Blick des Reisenden ist notwendigerweise ein exotischer, will sagen, der Blick auf das Andere als ein Fremdes. Wäre es anders, wäre das Reisen überflüssig. „A FAREWELL TO VENICE – ORTE UND ZWISCHENRÄUME “ weiterlesen

Berliner Intermezzo. Ein Brief an den Generaldirektor der Staatlichen Museen in Sachen Walter De Maria

Sehr geehrter Herr Professor Eissenhauer,
die Umgestaltung des zentralen Raums der Gemäldegalerie förderte zweifellos Erfreuliches zutage, bemerkenswerte Kunstwerke, wie sie, wenn vielleicht auch nicht gerade von allererstem Rang, doch vielen Sammlungen zur Zierde gereichen würden und die nun, dem Dunkel der Magazine entrissen, tatsächlich in neuem Licht erstrahlen – wobei der Titel der Aktion, »In neuem Licht«, nicht ganz einer gewissen Fragwürdigkeit entbehrt, ist ja der Raum, zuvor von freundlichem Tageslicht durchflutet, nun mit einer etwas zähen Finsternis angefüllt, in der die Gemälde mittels eines recht klebrigen Kunstlichts an die blauen Wandverkleidungen geheftet sind. Doch mag solches den Gepflogenheiten entsprechen, und ich will deshalb nicht näher darauf eingehen, genauso wenig wie auf die Problematik der dem Brunnen entsteigenden, den Raum unverkennbar erfüllenden Chlordämpfe, deren Unschädlichkeit für die Kunstwerke indes wohl von den zuständigen Konservatoren und Restauratoren wird garantiert werden können.

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