Heidschi Bumbeidschi, Mimar Sinan und die Knabenlese

Wem abends von der Mutter vorgesungen wurde, der wird sich nicht ohne Schaudern eines Liedes erinnern, so recht angetan, die Kinderseele mit Angst und das Dunkel des Kinderzimmers mit Schreckgestalten zu füllen. War schon die erste Strophe schlimm genug, in der die Mutter in die Rolle einer Fremden schlüpfte, um aus deren Perspektive dem Kind von ihrer, der Mutter, Fortgang ohne Wiederkehr zu berichten, so tat sich in der letzten ein anderes, noch gesteigertes Horrorszenario auf, in gespiegelter Symmetrie:
Der Heidschi Bumbeidschi is kumma
und håt ma mein Biable mitgnumma;
er håt ma’s mitgnumma und håts neamer bråcht,
drum winsch i mein’ Biaberl a recht guate Nåcht!
Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
åber heidschi bumbeidschi bum bum.

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Perspektive bei Walter De Maria – Teil 3

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

3.: Eine Abschweifung zu Melnikov

In diesem Kontext der rhetorischen Analogie mag der Barock die Perspektive (die Zentralperspektive) aufgefaßt haben, wenn sie ihm nicht lediglich ein Werkzeug zur illusionistischen Raumdarstellung war. In einem anderen Sinn zum Werkzeug wird sie Konstantin Melnikov, der in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit denselben Mitteln die Auflösung des zentralperspektivischen Raums betrieb und dessen Ziel war, Räume jenseits des statischen Raumbilds der Neuzeit zu bilden, paradoxe dynamische Räume, die darauf angelegt waren, den Betrachter in seiner Gewißheit zu erschüttern und in eine ganz neue Beziehung zur Grundgegebenheit des Raums zu stellen.

Konstantin Melnikov, Sowjetischer Pavillon auf der Exposition des Artistes Décorateurs, Paris 1925, Postkarte

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Große Männer und der Alkohol

Mustafa Kemal Atatürk war nicht nur ein unbezweifelbar großer Mann, er war auch ein großer Trinker, und es ist schwer zu sagen, ob zwischen beidem ein Zusammenhang besteht. Sein aktueller Nachfolger im Präsidentenamt scheint aber eine solche Vermutung zu bestätigen, denn er trinkt nicht, vermutlich nicht einmal heimlich.

Ein verengendes Panorama

Vor acht Jahren, 2010 war es, daß Istanbul die Rolle der Europäischen Kulturhauptstadt übernahm. — Zur Erinnerung: Ziel dieser Einrichtung ist es, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen – so wenigstens ist es in Wikipedia zu lesen, und in diesem besonderen Fall war es das erklärte Ziel, die Türkei näher an Europa heranzuführen. Ob Melina Mercouri, auf deren Initiative die alljährliche Ausrufung einer kulturellen Hauptstadt Europas zurückgeht, bei ihrem Vorstoß auch die ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches in betracht gezogen hatte, wird sich kaum herausfinden lassen.

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