Aus dem Land der Skipetaren

Skanderbegs Burg auf Kap Radoni (Albinfo)
Unser erster Anlaufpunkt in Albanien war, nach dem Einklarieren in Shëngjin, das sich nicht nur chinesisch anhört, sondern auch so aussieht, Kap Radoni, früher San Giovanni di Medua, albanisch Kepi i Rodonit, benannt nach Redon, dem illyrischen Gott der Wanderer und Seefahrer. Schöner kann man es wohl nicht haben – wir ankerten in einer von fernen, im Dunst zerfließenden gestaffelten Bergketten umgebenen großen Bucht vor einer mit üppigster Vegetation bewachsenen langen schmalen Landzunge, deren schroffe erodierende Flanken sich mit sanft zum Meer hin abfallenden grünen Matten abwechseln.

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Eine rhetorische Konstruktion in Cattaro

Was uns in Kotor am meisten entzückte – vielleicht, weil es so unerwartet kam –, war eine barocke Altarkomposition, korrekt gesprochen ein zum Lettner erweitertes Altarretabel in der kleinen Klarissinnenkirche, als halbhohe Schranke mit zwei Türen leicht chorwärts geschwungen in den einfachen rechteckigen Raum gestellt, Werk des venezianischen Bildhauers Francesco Cabianca (1665-1737), der wegen der schlechten Auftragslage in der schwächelnden serenissima, wohl aber auch, weil ihm sein Arzt zur Heilung eines venerischen Übels zu einer Seereise geraten hatte, mit seiner Familie nach Dalmatien übersiedelte und zwischen 1704 und 1708 in Kotor bezeugt ist.

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Idyllisches und weniger Idyllisches aus Montenegro

Die Fahrt durch die Bucht von Kotor, ital. le bocche di Cattaro, die gelegentlich als südlichster Fjord Europas bezeichnet wird (Slartibartfast?!) – geologisch inkorrekt indes, verdankt sie ihre Entstehung nicht einem Gletscher, sondern bildete sich aus einem Flußtal –, ist zweifelsohne eine der spektakuläreren Partien einer ja an Spektakulärem nicht armen Reise entlang der adriatischen Küsten. An die dreißig Kilometer ist sie lang, besteht aus vier weiten Becken, die durch enge Durchlässe verbunden und von bis zu 1000 Meter hohen Bergzügen umstanden sind. Am Ende der letzten dieser Buchten liegt Kotor, einer der sichersten Häfen der Adria und dazu strategisch höchst günstig gelegen. Er war die Basis für die U-Boote der österreichisch-ungarische Marine; auch andere ihrer Flotteneinheiten lagen hier während des Ersten Weltkriegs, veraltetes Material und Gerät zumeist, das nie zum Einsatz kam und wo es schließlich wegen der immer unerträglicher werdenden Zustände, angeregt durch die Februarrevolution in Russland ein Jahr zuvor, im Februar 1918 zu einer großen, doch rasch niedergeschlagenen Revolte kam, der Friedrich Wolf 1930 das Theaterstück ›Die Matrosen von Cattaro‹ widmete.

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Vom Reisen im Zeitalter des selfie

Warum reisen? — Wenn jeglicher Unmittelbarkeit eine medialisierte Erfahrung, jeglichem spontanen Erleben ein medialisiertes voranging, wenn also jedes Unmittelbare zum déja-vu geworden ist und an eine Medienkonserve erinnert – wozu dann noch reisen? Man reist, so will es die Tradition, aus Neugierde, um fremde Länder und Menschen aufzusuchen, oder man tut es, um etwas zu entdecken, etwas herauszufinden oder etwas zu lernen. (Selbstverständlich reist man auch in Geschäften, was uns hier aber nicht interessiert, genausowenig wie diejenigen, die reisen, um sich einen Mordsrausch samt zugehörigem Sonnenbrand einzufangen.)

Daß das Reisen bilde, wird sich kaum noch mit Fug und Recht behaupten lassen. Denn hierfür wäre eine zumindest rudimentäre Vor-Bildung die Voraussetzung, und das Vorhandensein einer solchen würde im Verhalten des Reisenden zum Ausdruck kommen: Aus der Art und Weise seiner Betrachtung spräche Neugierde, aus seiner Haltung und seinem Benehmen dem Betrachteten gegenüber Respekt. Von Solchem kann aber nur noch in Ausnahmefällen die Rede sein. Zwar sind vielleicht solche Reisenden, die zumindest ihren alten Baedecker, vielleicht gar die gleichfalls roten Bände des Touring Club Italiano oder den Dehio in der Tasche haben, nicht einmal weniger geworden, doch spielen sie unter den drei Millionen, die jedes Jahr mit dem Flugzeug in Dubrovnik einfallen, verstärkt von einer knappen Million, die von den großen Kreuzfahrschiffen noch zusätzlich ausgespuckt werden, keinerlei Rolle mehr. 

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Be vulgar, by all Means!

Unfaithfully Yours, einer der späteren Filme von Preston Sturges, enthält eine der präzisesten Aussagen wenn nicht gar zur Ästhetik des Films an sich, so zumindest zum ästhetischen Programm des Regisseurs selbst, eines Mannes, von dem man annehmen kann, daß er wie wenige andere sein Tun kritisch reflektierte. Viele seiner Filme, am explizitesten wohl Sullivan’s Travels, sind genaue Bestimmungen der Beziehung zwischen Hoch- und Populärkultur, und sie akzeptieren, in guter angelsächsischer Tradition, eine Scheidelinie nicht. Rex Harrison spielt in besagter screwball comedy einen Dirigenten, dem während einer Orchesterprobe von Rossinis Semiramide-Ouverture vom Mann mit den Becken auf die Forderung nach mehr Einsatz die Frage But wouldn’t that be vulgar? […] As a small boy I was learned always never to be vulgar! gestellt wird, was der Maestro mit dem Ausruf beantwortet: Be vulgar, by all means! Der folgende Einsatz des Schlagwerks wie auch die gesamte filmische Darlegung des Musikstücks könnten lustvoller nicht sein, was noch dadurch unterfüttert wird, daß der Dirigent sich während des Dirigierens eine Zigarette ansteckt. Hätte die Popart sich je zur Bewegung formiert und wäre öffentlich aufmarschiert, ein besseres Banner hätte sie nicht vor sich her tragen können.

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