INO Bibliothek: Neuzugänge

Die INO wird auf ihrer Fahrt zwar das eine oder andere Buch mitführen, jedoch den Anspruch auf eine Bordbibliothek keinesfalls erheben können. Diese wird also aus Vorschlägen bestehen, aus einem virtuellen Katalog, der während der Dauer der Fahrt erstellt wird. Wer immer sich berufen fühlt, ist eingeladen, seinen Beitrag zu leisten, der, wie es sich gehört, aus dem Namen des Autors, Titel, Erscheinungsort und -jahr bestehen soll sowie einer kursorischen Notiz, die den Zusammenhang zum Projekt der INO herstellt. Die Beiträge bitte an kontakt@ino-art.eu.

Chamisso, Adelbert von, Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-18 auf der Brigg Rurik Kapitän Otto v. Kotzebue, 2 Bde., Leipzig 1836. [10. 10. 17] — Leiden auf den Wassern, auch ohne explizite Katastrophen.

Doderer, Heimito von, Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre, München 1951. [10. 10. 17] — Das Buch ist durchtränkt vom schon morbiden Geruch des altem K.u.K.-Reichs nach dem 1. Weltkrieg, Heimito von Doderer sagte selbst darüber: »Ein Werk der Erzählkunst ist es um so mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann.« Entwickelt wird nichts anderes als ein weitgehend melancholisches Panoptikum des südöstlichen Europas nach dem 1. Weltkrieg – zentriert um eine allmählich in seiner Macht verfallende Schaltstelle desselben namens Wien. Von hier aus ist der Balkan der atmosphärische Tiefenraum, das Hinterland eines breiten Netzswerks von Geschehnissen und Handlungen, in dem die einzelnen Figuren treiben und getrieben werden…. wie auf einem Boot, das führungslos den Kräften von Wind und Wasser ausgesetzt ist. [Rolf Bier]

Hebel, Johann Peter, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Stuttgart 1811. [10. 10. 17] — »Jetzt aber lese ich die Kalendergeschichten immer wieder aufs neue, möglicherweise weil es, wie auch Benjamin bemerkte, ein Siegel ihrer Vollkommenheit ist, daß man sie so leicht vergißt« (W.G. Sebald).

Herzmanovsky-Orlando, Fritz von, Scoglio Pomo oder Rout am fliegenden Holländer, Salzburg 1984. [10. 10. 17] — Als die Adria noch gut österreichisch war.

Jakobinsky, Vladimir Zeev, Die Fünf, Berlin 2012. [10. 10. 17] — Untergegangenes von der Schwarzmeerküste. Auch der denkwürdigen Biographie des Autors wegen.

Jerofejev, Wenedikt, Die Reise nach Petuschki, München 1978. [10. 10. 17] — Der andere Reiseroman.

Perec, Charles, W ou le Souvenir d’enfance, Paris 1975. [10. 10. 17] — L’utopie au cauchemar.

Ruskin, John, The Stones of Venice, 3 Bde., London 1851-1853. [10. 10. 17] — »We want one man to be always thinking, and another to be always working, and we call one a gentleman, and the other an operative; whereas the workman ought often to be thinking, and the thinker often to be working, and both should be gentlemen, in the best sense.«

Schmidt, Arno, KAFF auch Mare Crisium, Karlsruhe 1960. [10. 10. 17] — Wenn sich schon der Einleitungstext zur Bibliothek der INO so ausführlich darauf bezieht, dann gehört es auch hinein.

Zettels Traum, Stuttgart 1970. [10. 10. 17] — Zur Not auch als Ballast zu gebrauchen.

Shakespeare, William, The Tempest, ed. Rowe London 1719. [10. 10. 17] — War je schönerer Schiffbruch?

Allgemeines zur Bibliothek der INO sowie die fortlaufend ergänzte Titelliste findet sich hier

A FAREWELL TO VENICE – ORTE UND ZWISCHENRÄUME 

Vier europäische Ereignisse, die für sich beanspruchten, die aktuelle Lage der Welt mit den Mitteln der Kunst schlüssig zu erfassen – die Biennalen in Venedig und Istanbul, die documenta in Kassel & in Athen, sowie das Skulpturenprojekt Münster – vermochten es weder einzeln noch in ihrer gesamten Fülle, ein hinreichendes Bild der Verhältnisse zu vermitteln, nämlich die Orte und Positionen, die Ausdehnungen und die räumlichen Parameter der Wahrnehmung in ihren möglichen und vielleicht unabdingbaren Beziehungen und in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten zu vermessen.

Europa als Handlungs- und Wahrnehmungsraum läßt sich nicht anders als durch Reisen erfassen. Der Blick des Reisenden ist notwendigerweise ein exotischer, will sagen, der Blick auf das Andere als ein Fremdes. Wäre es anders, wäre das Reisen überflüssig. „A FAREWELL TO VENICE – ORTE UND ZWISCHENRÄUME “ weiterlesen

Berliner Intermezzo. Ein Brief an den Generaldirektor der Staatlichen Museen in Sachen Walter De Maria

Sehr geehrter Herr Professor Eissenhauer,
die Umgestaltung des zentralen Raums der Gemäldegalerie förderte zweifellos Erfreuliches zutage, bemerkenswerte Kunstwerke, wie sie, wenn vielleicht auch nicht gerade von allererstem Rang, doch vielen Sammlungen zur Zierde gereichen würden und die nun, dem Dunkel der Magazine entrissen, tatsächlich in neuem Licht erstrahlen – wobei der Titel der Aktion, »In neuem Licht«, nicht ganz einer gewissen Fragwürdigkeit entbehrt, ist ja der Raum, zuvor von freundlichem Tageslicht durchflutet, nun mit einer etwas zähen Finsternis angefüllt, in der die Gemälde mittels eines recht klebrigen Kunstlichts an die blauen Wandverkleidungen geheftet sind. Doch mag solches den Gepflogenheiten entsprechen, und ich will deshalb nicht näher darauf eingehen, genauso wenig wie auf die Problematik der dem Brunnen entsteigenden, den Raum unverkennbar erfüllenden Chlordämpfe, deren Unschädlichkeit für die Kunstwerke indes wohl von den zuständigen Konservatoren und Restauratoren wird garantiert werden können.

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PALISSYS EIDECHSE

Die hier auf unserem zerfallenden Industriegelände neben den Moskitos am häufigsten vorkommede Tierart sind wohl die Eidechsen, kleine, sympahische, ungemein gelenkige und flinke Wesen, deren Leben sich in einem merkwürdigen steten Wechsel aus Starre und blitzschneller Aktion abzuspielen scheint. Jede Bewegung beginnt unvorhergesehen aus völliger Reglosigkeit und erreicht unmittelbar ein Äußerstes an Tempo, ohne Anlaufzeit oder Einschwingen, um dann ebenso abrupt, ohne jeden Übergang, abermals in eine vollständige Bewegungslosigkeit einzufrieren. Nur diese zwei Extreme an Lebenszuständen scheint die Eidechse zu kennen, perfekte Erstarrung und bedingungslose Agilität. Scheu und furchtsam sind sie, und ergreifen eiligst die Flucht, wenn man ihnen zu nahe kommt.

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EINE BEMERKENSWERTE BEOBACHTUNG

Vor der Punta della Dogana, am frühen Abend

unlängst bei der festa del Redentore. Bei diesem Anlaß, der, wie alles in Venedig, die Massen der Touristen anzieht, sind die Venezianer dennoch unter sich. Schieben sich jene in Erwartung des großen Feuerwerks auf Zattere hin und her, stehen sich am Markusplatz die Beine in den Bauch, drängen sich auf der Riva degli Schiavoni, schubsen sich an der Punta della Dogana, quetschen sich über die eigens errichtete Schiffsbrücke hin­über zur Giudecca, so versammeln sich die Venezianer auf dem Wasser. Was immer Zugang zu einem Boot hat – früher hätte man sagen können: Wer immer ein Ruder halten kann – versucht, sich rechtzeitig im Bacino di San Marco oder im Canale della Giudecca einen guten Platz zu sichern, um das mitternächtliche Spektakel aus der rechten Perspektive mitbekommen zu können. „EINE BEMERKENSWERTE BEOBACHTUNG“ weiterlesen