DER STAND DER DINGE – JULI 2017

Notre tête est ronde pour permettre à la pensée de changer de direction.
Francis Picabia

So ganz will es freilich nicht passen, das Motto, und es liegt die Pointe von Picabias bonmot ja auch in einem möglicherweise fragwürdigen Wechsel der Bezugsebene. Der Satz eines Künstlers – eine denkwürdige Wendung der Metapher.
Nun haben unsere Gedanken ja auch keineswegs die Richtung gewechselt, und es sind unsere Absichten unverändert – die Umstände nehmen Wendungen, die in mancher Hinsicht ein Umdenken nahelegen oder gar erzwingen. „DER STAND DER DINGE – JULI 2017“ weiterlesen

EINE NACHRICHT, DIE UNS BEUNRUHIGT

Giovanni Battista Piranesi, Veduta del Castello dell’Acqua Felice, 1748-1774

Die Zeitungen vermelden, in Rom müsse das Wasser rationiert werden: Für jeweils acht Stunden werde es, so hieß es, reihum in den verschiedenen Stadtteilen abgeschaltet. Der Grund hierfür seien die außerordentlich hohen Leitungsverluste, die nahezu die Hälfte des Wassers betrügen und die dem arg vernachlässigten maroden Leitungsnetz geschuldet seien. Nun war Rom seit altersher eine Stadt, die, bildlich gesprochern, auf dem Wasser gebaut war: Seit der Antike vertraute sie auf ein ausgeklügeltes verläßliches System von Wasserleitungen, und der Nieder-, ja beinahe Untergang der Stadt in den Wirren der Völkerwanderungszeit ist nicht zuzletzt darauf zurückzuführen, daß es nicht mehr gelingen konnte, die Wasserversorgung aufrechtzuhalten. Das ganze Mittelalter über war nur ein kleiner Teil des antiken Stadtgebiets bewohnbar, und auch das Rom der Renaissance beschränkte sich in seiner Ausdehnung auf das Tiberknie. Erst die energischen und weitsichtigen Unternehmungen Sixtus’ V., der nicht nur die antiken Wasserleitungen instandsetzen, sondern darüberhinaus eine neue anlegen ließ, die Aqua felice (nach seinem Geburtsnamen Felice Peretti), bahnte den Weg für eine Neubesiedlung der ausgedehnten Brachflächen intra muros. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die großzügige und freundliche Versorgung mit Wasser und der damit verbundene Schmuck der Stadt mit elaborierten Brunnenanlagen ein Anliegen der Mächtigen – in der Nachfolge der Barockpäpste legte zuletzt Mussolini ein Programm öffentlicher Brunnenbauten auf, das die ganze Stadt mit einem ästhetischen Netz überzieht (angelehnt wohl an das Projekt der Strukturierung des römischen Brachlands durch den erwähnten Sixtus vermittels der Markierung der wichtigen Orte durch die Wiederaufrichtung der Obelisken an ausgewählten Stellen). Was mag es nun bedeuten – für welches Omen sollen wir die erneute Infragestellung der Wasserversorgung der Ewigen Stadt in der aktuellen Völkerwanderungszeit nehmen?

[fb]

GEISELHAFTEN II

Nicht nur Casanova wird hier in Schuldhaft gehalten (s. Beitrag vom 27. März): In Sichtweite der INO, einen Steinwurf nur entfernt, ist die ›Oslo‹ festgemacht, ein Schüttgutfrachter mit 225 Metern Länge und 38835 Bruttoregistertonnen. Zwecks Eintreibung unbezahlter Rechnungen, die sich schließlich mit Zinsen und Gebühren auf eine knappe halbe Million US-Dollar beliefen, wurde sie im Frühjahr 2016 auf Betreiben eines griechischen Treibstofflieferanten sequestriert, lag vor Malamocco einen guten Monat lang mit einer Ladung brasilianischer Sojabohnen vor Anker und durfte schließlich am 5. Mai im Canale industriale Nord in Porto Marghera an einer verlassenen Mole anlegen. „GEISELHAFTEN II“ weiterlesen

SIMONE

Simone, ein Mann an der Schwelle zum Alter, mit ein wenig aufgedunsenem Gesicht und undeutlichen Zügen, der im Augenblick damit beschäftigt ist, den Rumpf der INO zur Vorbereitung des Anstrichs mit Sandpapier zu schleifen, erzählt, er habe als einziger von vier Brüdern nicht studieren dürfen, sein Bestimmung jedoch immer als Oenologe gesehen. „SIMONE“ weiterlesen