DER STAND DER DINGE – JULI 2017

Notre tête est ronde pour permettre à la pensée de changer de direction.
Francis Picabia

So ganz will es freilich nicht passen, das Motto, und es liegt die Pointe von Picabias bonmot ja auch in einem möglicherweise fragwürdigen Wechsel der Bezugsebene. Der Satz eines Künstlers – eine denkwürdige Wendung der Metapher.
Nun haben unsere Gedanken ja auch keineswegs die Richtung gewechselt, und es sind unsere Absichten unverändert – die Umstände nehmen Wendungen, die in mancher Hinsicht ein Umdenken nahelegen oder gar erzwingen. „DER STAND DER DINGE – JULI 2017“ weiterlesen

GEISELHAFTEN II

Nicht nur Casanova wird hier in Schuldhaft gehalten (s. Beitrag vom 27. März): In Sichtweite der INO, einen Steinwurf nur entfernt, ist die ›Oslo‹ festgemacht, ein Schüttgutfrachter mit 225 Metern Länge und 38835 Bruttoregistertonnen. Zwecks Eintreibung unbezahlter Rechnungen, die sich schließlich mit Zinsen und Gebühren auf eine knappe halbe Million US-Dollar beliefen, wurde sie im Frühjahr 2016 auf Betreiben eines griechischen Treibstofflieferanten sequestriert, lag vor Malamocco einen guten Monat lang mit einer Ladung brasilianischer Sojabohnen vor Anker und durfte schließlich am 5. Mai im Canale industriale Nord in Porto Marghera an einer verlassenen Mole anlegen. „GEISELHAFTEN II“ weiterlesen

UNLÄNGST, IM FORTE MARGHERA,

einer von den Habsburgern angelegten Festung am Rand der Lagune, wo sich heute ein buntes Künstlerleben abspielt, trafen wir eine Studentin des Tourismus, die sich mit der Behauptung hervortat, vaporetti seien zu Anfang auch für den militärischen Einsatz konzipiert gewesen und somit eigentlich Kriegsschiffe. (Möglicherweise hatte sie davon gehört, daß einige von ihnen während der beiden Weltkriege für Transportzwecke requiriert worden waren.) Unsere Erwiderung, das tauge uns gut, sei doch die INO in Wirklichkeit nichts weniger als das Flagschiff der venezianischden Flotte, unsere geplante Fahrt in Wahrheit nur der Deckmantel für eine vorläufig noch geheime militärische Mission, eine großangelegte Offensive zur Befreiung Konstantinopels aus den Händen der Ungläubigen, quittierte sie mit kaum verhohlener Empörung, verließ auch alsbald die Runde. [fb]

BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN

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Lieber Lorenzo Quinn,

wir vermögen es nicht, zu verhehlen, daß Sie Eindruck auf uns gemacht haben. Anthony Quinns Sohn zu sein, das ist schon etwas, und ihm dazu noch derart ähnlich zu sehen, das ist schon keine Kleinigkeit. Ein wenig mehr Charakter sprach zwar aus des Alten Zügen, es ging ihm die, wie sollen wir es nennen, etwas parfümierte Glätte ab, auf die Sie Wert zu legen scheinen, doch haben Sie’s im Ganzen gesehen gut getroffen. Und erst Ihr Künstlertum! Wir durften Zeuge sein, wie Ihre Assistenten Ihrem neuesten Werk den letzten Schliff gaben, zwei kolossalen Händen, unter Verwendung neuester Technologien aus riesigen Hartschaumblöcken gefräst und mit einer Oberfläche, die ziemlich geschickt den von Ihnen intendierten Eindruck von Beton imitiert, hier in Maghera, keinen Steinwurf von der INO entfernt. „BRIEF AN DEN KÜNSTLER LORENZO QUINN“ weiterlesen