Lärm

Eine Nacht in der Einfahrt zur Marina in Jesolo, festgemacht neben den großen bilancie, den Senknetzen der Fischer, unweit des Leuchtturms, was alles sich recht romantisch anhört – eine solche Nacht also gibt einem einen Vorgeschmack auf die Vorhölle, oder auf schlimmeres. Vis-à-vis der Idylle nämlich hat sich eine Stranddiskothek eingenistet, die während der sechs Stunden vor Mitternacht einen ganz unfaßbaren Lärm produziert. Und wäre nicht schon die schiere Lautstärke Grund genug für eine Anzeige wegen Körperverletzung, so gesellt sich noch die tatsächlich unermeßliche Niveaulosigkeit der Musik hinzu, die nicht anders denn für eine schwerwiegende Beleidigung genommen werden kann. Um einen Eindruck von dem zu ermitteln, das sich hier Musik nennt: Keine Melodik ist auszumachen, auch keine Rhythmik, noch gar ist etwas zu erkennen, das an Akkordfolgen etwa im Sinne einer Kadenz auch nur leise erinnern würde – belämmert und behämmert wird der Zuhörer mit nichts als endlosen Wiederholungen kleinster entwicklungsloser Fragmente, denen allenfalls hin und wieder durch einfallslose technische Griffe eine Art von Kippbildeffekt übergestülpt wird. Nicht anders verhält es sich mit dem, was einstens einmal als Text bezeichnet wurde: Mehr als drei Worte scheinen die Kapazität von Discjockey wie Publikum zu übersteigen, doch werden diese drei dafür stets mehrere hundert Male wiederholt. – Mag hier keiner sich verleiten lassen, zaghaft seinen Zeigefinger zu erheben und leise »minimal music« zu rufen: Um solches geht es beim besten Willen nicht.

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Gilberto Penzo

Als Friedrich zum ersten Mal seinen Laden in San Polo aufsuchte, vor nunmehr vier Jahren, um ihn zu fragen, wie man am besten an ein vaporetto kommen könne, nahm Penzo ihn nicht besonders ernst – was man ihm nicht verdenken kann, sieht er sich doch beständig mit den dümmsten nur vorstellbaren Fragen konfrontiert, etwa, ob es sich bei den gläsernen Fischerkugeln in seinem Schaufenster um altertümliche Fender handele – was er bejaht, und auch die Frage, wann Venedig denn schließe, wird ihm regelmäßig gestellt – was ihn empört, wie ganz allgemein das Benehmen der Touristen und der Verfall der Sitten und der Niedergang des Benehmens. Er konnte oder wollte Friedrich also nicht weiterhelfen, verkaufte ihm jedoch immerhin einen Plansatz der Serie 80, von der zwischen 1974 und 1988 37 Exemplare gebaut wurden. Eines davon hätten wir damals gerne gehabt.

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