Von den Schlössern der Zigeuner

Modell für den Palast des ehemaligen Kaisers der russischen Zigeuner in Hermannstadt (Sibiu). Photographie von Carlo Gianferro aus: Renata Calzi und Patrizio Corno, Gypsy Architecture, Stuttgart/London (Edition Axel Menges) 2007.

Ob wohl die Zigeuner eine ähnlich romantische Vorstellung von festen Häusern haben mögen wie wir Seßhaften vom freien und kühnen Nomadenleben? — Die Wirklichkeit des fahrenden Volks sieht freilich wenig romantisch aus, wie wir wissen, und die trostlose Wirklichkeit der erzwungenen Seßhaftigkeit dürfte die Zigeuner zumindest in Rumänien rasch von jeglicher Romantik geheilt haben, sollte je die Gefahr einer solchen bestanden haben (für Goethe war sie ja von Anbeginn an eine Krankheit).

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Vom Hängen-, Stecken-, Stehen-, Liegen- & Sitzenbleiben, oder ›Heimat, deine Sterne!‹

Der geneigte Leser kann sich eines davon aussuchen. Jedes davon beschreibt die Lage der INO, seit nunmehr drei Wochen bei Kilometer 500 auf der Donau und auf unbestimmte Zeit. — Neben das Hängenbleiben hat die Sprache das Herum- und das Durchhängen gesetzt, was zwar nicht den Zustand des Schiffs, dafür aber um so besser den der Besatzung beschreibt.
Doch der Reihe nach: Die Hoffnung und Verheißung des Deltas, nach den schwankenden Fährnissen der Seefahrt nähme nun die Fahrt auf den ruhigen Fluten der Donau einen gleichmäßigen und sozusagen gemütlichen Lauf, erwies sich recht bald als trügerisch; in der Folge des nahezu niederschlagslosen Sommers sind die Pegel auf historische Tiefstände gesunken, ist der Verkehr so gut wie zum Erliegen gekommen und die Fahrt zu einer Folge nervenauf- und –zerreibender Zitterpartien geworden. Größere Unheil freilich blieb erspart – zweimal nur sind wir aufgesessen, einmal beim Versuch, einem entgegenkommenden Schubverband auszuweichen, was uns an einem kritischen Punkt zum Verlassen der Fahrrinne zwang, und einmal völlig unerwartet an einer Stelle, wo solches eigentlich ausgeschlossen hätte sein müssen. In beiden Fällen ging es ohne Schäden ab, doch wuchs ein unbehagliches Gefühl der Unsicherheit. 

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Kirchen in Rumänien

Dem Elend des Unterlaufs der Donau – aufgegebene Städte, ruinöse Häuser, egal welchen Baujahrs, verrottende Zeugen untergegangener Industrien, Lethargie, Fatalismus, Phlegma, dumpfe Tristesse ohne Wehmut allerorten – wird gelegentlich ein weithin sichtbares Glanzlicht aufgesteckt, in Gestalt funkelnder, frisch poliert vergoldeter Kuppeln, Bekrönungen einer in strahlendem Weiß leuchtenden Kirche. Fast obszön nehmen sich diese herausgeputzten Gebilde aus inmitten all des monotonen Zerfalls, fremd, wie es die maßstabslosen Bauten des Ceaușescuregimes in den kleinen Städten gewesen sein mögen, die nun um sie herum untergegangen sind. Das Alter dieser Gebäude will sich nicht bestimmen lassen; weder Bauform noch Bautenzier geben einen verläßlichen Hinweis darauf, ob es sich um Renovierungen handelt, bei denen Altes zu einem ordinären Glanz ohne Zauber herausgeputzt wurde, oder  um Neubauten, deren einziges Ziel es ist, überkommene Muster ambitionslos zu imitieren. In vielen Fällen dürfte es sich um letzteres handeln, wurde doch nach der Jahrtausendwende von der mit zunehmender Macht ausgestatteten orthodoxen Kirche in Rumänien nicht nur ein umfassendes Renovierungs- sondern auch ein ausgedehntes Neubauprogramm aufgelegt, finanziert, wie die Organisation insgesamt, auf großzügigste Weise vom rumänischen Staat, der ansonsten das Land in einem schier unfaßbaren Ausmaß verkommen läßt. Europa versagt hier an den Rändern. „Kirchen in Rumänien“ weiterlesen