INO Bibliothek: Neuzugänge VIII

Die INO wird auf ihrer Fahrt zwar das eine oder andere Buch mitführen, jedoch den Anspruch auf eine Bordbibliothek keinesfalls erheben können. Diese wird also aus Vorschlägen bestehen, aus einem virtuellen Katalog, der während der Dauer der Fahrt erstellt wird. Wer immer sich berufen fühlt, ist eingeladen, seinen Beitrag zu leisten, der, wie es sich gehört, aus dem Namen des Autors, Titel, Erscheinungsort und -jahr bestehen soll sowie einer kursorischen Notiz, die den Zusammenhang zum Projekt der INO herstellt. Die Beiträge bitte an kontakt@ino-art.eu.

Adelung, Johann Christoph, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Ausgabe letzter Hand, 4 Bde. Leipzig 1793-1801. — Nicht durchs Meer, sondern durchs Universum der Wörter.
 
Apollonius von Rhodos, Die Fahrt der Argonauten (Ἀργοναυτικά), übersetzt von Paul Dräger, Stuttgart 2002. — Dem mythischen Urbild der Schiffsreisen folgt die INO auf einem beträchtlichen Teil ihres Weges – nicht nur von Volos durch Ägäis, Marmarameer und Bosporus bis weit ins Schwarze Meer, sondern auch eine weite Strecke donauaufwärts.
 
Artmann, H.C. (Hans Carl), dracula dracula. Ein transsylvanisches abenteuer, Berlin und Meilen 1966. — Wo Stoker in der Bibliothek steht, darf Artmann nicht fehlen.

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DER KAPITÄN DER DANUBIUS

In Orschowa, dem vielleicht trostlosesten Ort an der ganzen Donau, eine halbe Stunde oberhalb der Donaustaustufe ›Eisernes Tor 1‹ gelegen, machten wir die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der sich auf ein Leben als Donaukapitän vorbereitet. Eigentlich könnte man ihn schon jetzt so nennen, ist er doch der căpitan der Danubius, eines kleinen Dampfers (vapor auf rumänisch), der im Sommer Touristen auf kurze Ausflugsfahrten zu der Handvoll von Sehenswürdigkeiten mitnimmt, die das Ufer des gestauten Stroms säumen: neben den Naturschönheiten das Kloster Mraconia, die unlängst fertiggestellte Rekonstruktion einer im Stausee untergegangenen Rekonstruktion der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, dann die aus den Fluten gerettete und ans neuentstandene Ufer versetzte tabula traiana, sowie den riesenhaften und außerordentlich häßlichen Kopf Decebels, des letzten Königs der Daker, in den Fels gehauen im Auftrag Iosif Constantin Dragans, den seine etwas zweifelhaften Geschäfte zum reichsten Mann Rumäniens gemacht hatten und der als Historiker dilettierte und in zahlreichen Schriften den Protochronismus propagierte, eine krude nationalistische Geschichtsauffassung, die sowohl von Ceauşescu favorisiert wurde als auch nach dessen Fall und Ende von rechtsnationalistischen Kreisen.

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Eine Bauhausanekdote

Eigentlich hatte Gropius das Bauhaus am 1. April 1919 gründen wollen. Die entsprechende Urkunde lag parat, von Itten in mehrwöchiger Arbeit in einer etwas manierierten expressionistisch angehauchten Unziale zu Pergament gebracht, als Adolf Meyer, in Fragen symbolischer Bezüge mit allen Wassern gewaschen, darauf hinwies, daß die Wahl dieses Datums dem nicht allzu ferne liegenden Mißverständnis Vorschub zu leisten vermöge, die ganze Bauhausangelegenheit sei als ein Scherz zu nehmen. Gropius faßte sich an den Kopf – auf diesen subtilen Gedanken war er nicht verfallen. So wurde also der arme Itten, ungeachtet seines lautstarken Protestierens, dazu verdonnert, zwei Einsen in sein kalligraphisches Meisterwerk hineinzupfuschen, wozu er sich erst bereitfand, nachdem Gropius ihm eine Professur versprochen hatte, und das Bauhaus wurde zehn Tage später gegründet. Dem tief verbitterten Itten aber war die Kalligraphie fürderhin ein Graus.

Orșova, oder ein hilfloser Versuch über die Trostlosigkeit

Hilflos angesichts ihres Allumfassenden, ihres Ungemilderten, Zeitlosen – nichts kann vor ihr gewesen sein, nichts wird nach ihr kommen: Sie ist ein in unteilbarer Einheit verharrendes Ewiges, und leicht ließe sich sagen, man fühle sich hier, wollte man denn einem Hang zum Sarkasmus freien Lauf lassen, vom Hauch des Erhabenen gestreift. „Orșova, oder ein hilfloser Versuch über die Trostlosigkeit“ weiterlesen

Perspektive bei Walter De Maria – Teil 6

»…lines traveling out to infinite points…«
Beobachtungen zur Perspektive im Werk von Walter De Maria
Ein Essay in zehn Lieferungen

6.: Lightning Field und Mile-Long Parallel Walls in the Desert

Im Lightning Field, zweifellos einem Hauptwerk der Land Art, ist indes nicht nur das Land Teil der Arbeit – genauer: ein Teil der Arbeit –, als etwas, das sich als »ewige Gegenwart« auffassen ließe; der Titel benennt den Blitz als ein Naturphänomen von exemplarisch kurzer Dauer, die traditionelle Manifestation des Erhabenen und das exklusive Werkzeug der Götter, ja Epiphanie und Inbegriff des Gefährlichen. Auch die Blitze sind also Teil, oder ein Teil des Werks. Eine denkwürdige Äußerung Walter De Marias kann an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. In einem im Mai 1960 verfaßten Essay mit dem Titel On the Importance of Natural Disasters schreibt er: »I like natural disasters and I think they may be the highest form of art possible to experience. […] I don’t think art can stand up to nature.« Es ist gerade die gezielte, vielleicht auch ironische, augenzwinkernde Inkonsequenz, mit der hier die Natur in einem Atemzug als Form der Kunst aufgefaßt und gleichzeitig ihr entgegengesetzt wird, die als Hinweis darauf genommen werden kann, daß das Gegenüberstellen von Kunst und Natur als zweier entgegengesetzter Pole, auf die die europäische ästhetische Diskussion der Neuzeit beharrt, für den Künstler keine Bedeutung hat.
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Mircea Dinescu über Port Cetate

Der Port Cultural Cetate erhob sich aus der Asche des ehemaligen Getreidehafens, der um 1880 herum angelegt worden war, in jenen Tagen, als Weizen nicht wie heute dem Asphalt entsprießen konnte und in Wien die Croissants mit dem Mehl gebacken wurden, das mit dem Raddampfer aus Cetate gebracht wurde.
1945 wurde der Hafen geschlossen und seine Gebäude in Kasernen der Grenzpolizei umgewandelt, während der Weizen unerwarteterweise seinen abenteuerlichen Weg moskauwärts nahm. Die im Hafen registrierten Getreidehändler, etwa eintausend, darunter eine große Anzahl Juden und Griechen, wählten entweder die Emigration, oder sie verschmachteten in kommunistischen Gefängnissen.

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